Veröffentlicht in Buchmomente, Leben und all das., Literatur, Rezensionen, Roman

#tbt – Mittagsstunde

Meine Meinung:

Eine Geschichte über das Vergehen von Zeit. Nicht die Figuren sind die Hauptprotagonisten dieser Geschichte, sondern das Dorf selbst: Brinkebüll. Ich mag die Art, wie Dorte Hansen erzählt. Und ich mag die Art wie Hannelore Hoger liest. Sie klingt dabei wie ein betrunkener Matrose, der mir in einer verratzten Dorfkneipe eine Geschichte erzählt. Sie brummelt und nuschelt, sie schnackt, es ist ein Fest. Ich habe mich auf dem Sofa in eine Decke gewickelt, das Licht ausgemacht und bin eingetaucht in diese Stimme, in dieses Dorf. Verschwunden, quasi in der Mittagsstunde. Seit vielen Jahren schon mag ich Geschichten wie diese: Ein ganzes Leben. Im Dorfgeschehen ist es nur ein kleiner Ausschnitt. Aber für mich als Zuhörerin, meine ich Großvater Sönke wirklich zu kennen, von der Wiege bis zu seinem Tod. Dorte Hansen legt die Geschichte zusammen, wie ein Puzzle, vom Rand nach innen. Ich verstehe irgendwann die Zusammenhänge, erkenne die Lebenslügen. Da sie aber alle Figuren gleichwertig beschreibt, mit Kanten, Ecken und schwarzen Flecken, ganz ohne zu urteilen und mir aufzudrängen „Dieser ist ein Guter, jene eine böse Frau“, kann ich alle gleich mögen. Jedem auf Socken nachschleichen. Hier steckt so viel Charakter drin, so viel Menschlichkeit, man wird ja fast zum Philanthrop.

  • Autorin: Dörte Hansen
  • Sprecher: Hannelore Hoger
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Penguin Verlag
  • ISBN-10: 3328600035
  • ISBN-13: 978-3328600039

Klappentext:

Was bleibt von uns, wenn alles, was wir kannten, untergeht?

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.

Veröffentlicht in Buchmomente, Caro und wie sie die Welt sieht, Leben und all das., Literatur, Rezensionen, Roman

#tbt – Was man von hier aus sehen kann

Meine Meinung:

Mariana Leky hat mich kalt erwischt. Irgendwo auf der Autobahn, zwischen Stuttgart und München hab ich das Lenkrad fest umklammert und plötzlich losgeheult wie ein kleines Kind. Aber der Reihe nach. 

Der Klappentext klang nett. Ich hatte keine Erwartungen an das Buch, kannte weder die Autorin noch die Sprecherin. Völlig ohne Erwartung an ein Buch heranzugehen ist wohl die beste Haltung. Dann kann nämlich alles passieren. Erwartungen können ja nur enttäuscht werden. Und was kann ein Buch oder ein Film dafür, wenn sich in meinem Kopfhaus etwas anderes abspielt, als mir da erzählt wird? Leserinnen, und ich nehme mich da nicht aus, nehmen es Autoren gern übel, wenn sie mit ihren Figuren andere Wege gehen, als man erwartet. In Büchern herrscht ja noch Gerechtigkeit und eine gewisse Ordnung. Meisten jedenfalls. Aber ich schweife ab. 

Ich habe wenig gedacht, bei der Auswahl dieses Romans. „Was ist ein Okapi?“, mag dabei gewesen sein. 

Ich suche mir Hörbücher nach der Stimme aus, nicht nach dem Inhalt der Geschichte. Weil, ich muss der Person, die mir da was erzählt mehrere Stunden zuhören. Bei einem John Irving Roman sind das schnell 20 Stunden. Also habe ich die erste CD in den CD-Player geschoben und schon nach wenigen Minuten gewusst: Das passt. Sandra Hüller und ich werden gute Freundinnen. Und dann kam Selma und ihre Enkelin Louise. Der Optiker Palm und Martin, meine Güte. Wir sind gute Freunde geworden auf der A8. Ich habe gelacht und geweint, ich bin nicht nah am Wasser gebaut, wirklich nicht. Ich lebe nah an der Wut, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich mag es, wenn ich so eingeladen werde, ich ein Haus, in ein ganzes Leben. Der Optiker liebt Selma. Louise liebt Martin. Die eigensinnige Marlies liebt niemanden. Und ich kann alles sehen, von Anfang bis Ende, so scheint es. 

Eine Frau, die von einem Okapi träumt, das klingt erst mal langweilig. Wenn Selma von einem Okapi träumt, stirbt am nächsten Tag jemand. Und ich verfolge alle Dorfbewohner, versuche zu erahnen, wen es wohl treffen wird. Manche mag man ja lieber als andere. Dieser Schuft, der sein Kind schlägt, der kann meinetwegen gerne abtreten… sowas kann ich denken, während ich lausche. Ist ja nur eine fiktive Figur, ich bin kein schlechter Mensch. Echt nicht. Alle Bewohner im Dorf regeln, angesichts des drohenden Unheils, ihre Angelegenheiten. Jeder bereitet sich darauf vor, derjenige zu sein, denn es trifft.

Es ist es also nicht langweilig, das Dorfleben im Westerwald, kein bisschen. Es ist so wenig langweilig, dass ich nun das Taschenbuch UND Hörbuch besitze, und es mir im Urlaub noch mal anhöre. Ich muss nämlich wieder nach München. Ich will diese Innigkeit noch einmal spüren. Das ist etwas, das ich auch selten mache. Ein Buch zwei Mal lesen… oder hören. Aber die Dorfbewohner sind mir so nah gekommen, Mariana Leky hat die Klaviatur meiner Emotionen perfekt bespielt. Ich bin in diese Welt eingetaucht und habe den Figuren all meine Zuneigung hin geworfen: „Hier, das ist alles was ich habe!“.  

Jedes Wort zum Inhalt ist eigentlich ein Wort zu viel. Ich habe schon genug mit deinen Erwartungen gespielt. Geh ganz neutral ran. Denk nicht so viel darüber nach, wer stirbt. So ist das Leben. Menschen sterben. Aber bis es soweit ist, passiert ganz viel. In diesem  Mikrokosmos der Liebe. 

  • Autorin: Mariana Leky
  • Sprecher: Sandra Hüller
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
  • ISBN-10: 3832198393
  • ISBN-13: 978-3832198398

Klappentext:

Von der unbedingten Anwesenheitspflicht im eigenen Leben

Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen, verschwinden lassen oder in Ordnung bringen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman – und natürlich noch viel mehr. Was man von hier aus sehen kann ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe im Modus der Abwesenheit.


Veröffentlicht in Buchmomente, Carolin M. Hafen, Kinder- und Jugendbuch, Literatur, Neues aus Leotrim, Roman

Das Drachenvolk: Preisaktion und Prime Reading auf Amazon

Das Drachenvolk von Leotrim
C. M. Hafen – Das Drachenvolk von Leotrim

Achtung: kurzfristige Preisaktion. „Das Drachenvolk von Leotrim: Die komplette Trilogie“ ist hier nur für wenige Tage zu 89 Cent statt 8,99 Euro zu haben! Und Nutzer von Prime Reading (Amazon) haben jetzt sogar die Möglichkeit, es gratis zu lesen.

Veröffentlicht in Buchmomente, Caro und wie sie die Welt sieht, Doodle, Drawing & Art, Erlebtes, Kinder- und Jugendbuch, Leben und all das., Literatur, Notizbuch, Rezensionen, Roman, Sachbuch

Lese-Monat August 2020

  • Kathryn Lasky – Clan der Wölfe Band 4 ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Dale Carnegie – Sorge dich nicht, lebe! ⭐️⭐️⭐️
  • Rachel Joyce- Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry (Hörbuch) ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Basiswissen Aquarellmalerei ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Paula Henderson, Adam Vornehmen – Die Welt der Baumhäuser ⭐️⭐️⭐️⭐️

Fazit:

Dale Carnegie und ich werden keine Freunde mehr. Leider. Im Prinzip ist das alles richtig, was er sagt/schreibt. Aber meiner Meinung nach ist es nicht mehr zeitgemäß. Die Bücher sind auch schon ein paar Tage alt, da darf das sein und ist nicht schlimm. Aber eine Anleitung, wie ich mich in einen Burnout hinein arbeite, brauche ich nicht wirklich. Zwischendurch, als es um das Thema Müdigkeit ging, habe ich kurz aufgehorcht. Da waren ein paar Tipps dabei, die ich hilfreich finde. Aber mehr habe ich dann nicht aus dem Buch heraus genommen und würde es nur bedingt weiter empfehlen.

Mit dem „Clan der Wölfe“ bin ich bei Band 4 angelangt. Das ist solide Arbeit, das kann man gut lesen. Ich bin jetzt nicht über die Maßen begeistert, in Band 4 störte mich die Selbstmord-Thematik, die ich für Kinder nicht so geeignet finde. Aber grundsätzlich mag ich die Charaktere, allen voran Faolan und seine Freunde. Sie sind Aussenseiter, eigentlich. Gleichzeitig nicht, weil sie ja die Fugen ihrer Welt zusammen halten. Er lebt in zwei Welten; die der Wölfe und der Bären und die Bereicherung, die sich für ihn daraus ergibt, schimmert durch alle Bücher bzw. seine Abenteuer. Wer also Kinder in dem Alter hat (Leseempfehlung ab 10 Jahre), kann ihnen gut diese Reihe ans Herz legen. Die ersten drei Bände haben mir sehr gut gefallen, das war spannend und schön zu lesen. Ich hab noch zwei Bücher vor mir und bin sehr auf das Ende gespannt. In allen Büchern baut die Autorin etwas Mystisches um Faolan auf – wer oder was ist Faolan in dieser und jener Welt!? Ich hab eine Theorie. Und ich will wissen ob ich Recht habe. Ich bleibe dran. 🙂

Wer mir bei Instagram folgt, weiß, dass ich mich mit verschiedenen Mal-Stilen beschäftige. Doodeln, im Sinne von kritzeln, täglich ein bisschen, aber auch richtig Zeichnen lernen und aquarellieren. Ich habe einen Stapel Bücher zu diesen Themen zuhause, lese hier hinein, probiere da eine Übung, versuche das umzusetzen, was mir angeraten wird. Das „Basiswissen Aquarellmalerei“ habe ich inzwischen ganz ausgelesen und finde es ist das beste Buch mit dem ich gerade arbeite. Wie gesagt, es sind aktuell vier oder fünf gleichzeitig, ich habe also Auswahl- und Vergleichsmöglichkeiten. Es werden verschiedene Techniken erklärt, die man immer wieder am gleichen Motiv ausprobieren kann. Ich finde es sehr hilfreich, dass hier Empfehlungen ausgesprochen werden, welches Papier zur Übung passt, welcher Bleistift und welche Farben verwendet werden sollen. Bis jetzt fehlt mir in all meinen Büchern eine Übersicht, welcher Bleistift für was geeignet ist. Ich mache, nur als Beispiel, die Übungen in meinem Naturbuch „Die Kunst des Zeichnens“ und nirgends gibt es eine Empfehlung oder Erklärung, welcher Bleistift (hart, weich, mittel) für welche Übung gedacht ist, obwohl es eine Bleistiftbox zu den Büchern dazu gibt. Mir würde das sehr helfen. Ich probiere also Sachen aus und stelle dann fest: Nee, so geht es nicht, damit erziehle ich nicht den Effekt wie in der Vorlage zu sehen ist. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt von einem Buch und ich müsste mal einen Kurs machen. Allerdings richtet es sich ja an Anfänger wie mich. Zudem werden Übungen auf gegenüberliegenden Seiten gestellt. Sobald man das Buch zuklappt, verschmieren beide Bilder und hinterlassen Abdrücke auf der jeweils anderen Seite. Ich habe mir daraufhin ein Fixativ-Spray gekauft und das Problem damit gelöst. Diesen Tipp bekam ich im Bastelladen. Im Buch stand davon nichts. Dieser Tipp gehört, m. E. ins Buch und zwar ganz an den Anfang. Just my two cents.

Jedenfalls.

Mir ist noch etwas anders aufgefallen, was nichts mit den Büchern zu tun hat, was mich aber dennoch beschäftigt. Seit ich meine Übungsbilder herzeige (#ausmeinemNotizbuch) werde ich regelmäßig gefragt, ob ich dann irgendwann meine eigenen Bücher illustriere. Ob ich meine Bilder verkaufe. Ich wurde sogar gefragt, ob ich einen anderen Job anstrebe. Ich staune über diese Fragen und bin ein paar Mal sprachlos dagestanden. Ich kritzele Blümchen und putzige Tierchen in ein Notizbuch. Das ist alles.

Ich weiß gar nicht, warum alles, was man im Leben tut diesen Leistungsanspruch haben muss. Also im Sinne von nützlich und profitabel. Ich mache das um abzuschalten. Es macht mir Spaß, ich kriege den Kopf frei, der Hashtag dazu lautet wohl #Resilienz. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe regelmäßig Tage, da möchte ich laut „Scheiße“ brüllen und mich wie ein Kleinkind auf den Boden schmeißen vor Wut und Frust und Streß. Ich bin aber kein Kind mehr und ich darf niemandem eine Kaffee-Tasse an den Kopf werfen, also patsche ich Farben auf Papier, schaue zu wie sie trockenen und freue mich, wenn ich anschließend wieder ruhiger bin, weniger gestresst. Also kein Leistungsanspruch, kein Profit. Ich weiß was mir hilft, und das mache ich dann. Klingt komisch, ist aber so. Die kurze Antwort auf diese Fragen lautet also Nein, nein und nein. Die lange Antwort würde ein paar Fragen beinhalten. Und den erstaunten Ausruf: Chill mal. 😉

Off Topic

Im August, im Urlaub habe ich noch eine kleine Beobachtung gemacht, von der ich dir erzählen will. Ich saß in einem Restaurant, es war Abend, die Sonne war schon untergegangen und meine Begleitung und ich wollten noch einen Absacker trinken. Am Nebentisch saß ein Ehepaar, dass mir allein deshalb auffiel, weil sie sich so angeregt unterhielten. Das Gegensatz-Programm, dass ich deutlich öfter sehe, sind Menschen, die sich gegenübersitzen, schweigend und an ihrem Glas herum drillen oder sich suchend im Raum umsehen, ob den irgendwo anders etwas passiert. Mir ist das auch schon so ergangen. Da ist man tagelang im Urlaub miteinander und irgendwann weiß man einfach nichts mehr zu erzählen. Diese beiden, je ein Glas Wein in der Hand, saßen nebeneinander, sich zugewandt und hatten sich viel zu sagen. Ihnen gegenüber saßen zwei Buben, vielleicht zehn und zwölf Jahre alt. Lesende Jungs sehe ich nun wirklich selten. Die Beiden hatte je einen dicken Wälzer in der Hand, soweit ich das sehen konnte ein Fantasy-Werk. Zumindest wirkte das Cover auf mich – auf die Entferndung – sehr nach Drachen und Abenteuer. Ich hab mich nicht getraut zu fragen, was sie denn lesen. Aber ich habe mich an dem Bild erfreut, dass sie zusammen abgaben. Das es sowas gibt. Toll.

~Caro

Veröffentlicht in Caro und wie sie die Welt sieht, Leben und all das., Literatur, Notizbuch, Sachbuch, Schreibübung

Heute schon geschrieben #5

Heute schon geschrieben? Band 5

Dialoge schreiben

Ich habe vor einigen Jahren die Weltbild-Reihe „Heute schon geschrieben?“ abonniert und sehr gerne mit den Büchern gearbeitet. Kann man auch in meinem Blog nachlesen. Leider war nach dem vierten Band Schluß mit der Printausgabe. Aktuell versuche ich wieder ins Schreiben hinein zu finden. (Neues Manuskript, get shorties Lesebühne) Corona hat mich, was das angeht völlig verstummen lassen. (Aus Gründen.) Solche Phasen habe ich hin und wieder mal. Wenn ein Buch fertig geschrieben und veröffentlicht ist, habe ich diese Schwierigkeiten schon mal, und dann nehme ich einen Schreibratgeber samt Übungen her und schreibe mich wieder frei. Mit neuen Aufgaben zu neuen Herausforderungen, das klappt (fast) jedes Mal. Hier liegen noch vier oder fünf Schreibratgeber herum, aber ich erinnerte mich plötzlich an die Reihe von damals. 10 Bände hat die. Und ich besitze nur vier. Richtige Buchliebhaber verstehen mich: Ich habe die Reihe noch nicht voll. Wie sieht das denn bitte aus, im Regal? 

Nun habe ich die anderen Bände als eBooks entdeckt und beschlossen: Ich mache damit weiter. 

Jedenfalls. Heute lautet die Antwort „Ja.“

Übersicht:

Veröffentlicht in Caro und wie sie die Welt sieht, Erlebtes, Leben und all das., Literatur

Essay

Der bzw. das Essay, auch Essai genannt, ist eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema. Wikipedia

RANDNOTIZEN

Gestern Abend war ich beim BvjA-Stammtisch in Tübingen und davon will ich dir erzählen. Wir haben uns dieses Mal in kleiner Runde getroffen, aus Gründen. Das Thema lautete ganz grundsätzlich „Essays“, im besonderen lasen wir gemeinsam einen Text von Susan Sontag, in der Diskussion landetet wir aber schnell bei anderen Essayisten, unter anderem bei Michel De Montainge. Letzteren kenne ich nicht, ich habe noch nie was von ihm gelesen. L. meinte, das müsse ich nachholen. Diese beiden Bücher sind nun auf meine Want-to-Read-Liste gehüpft.

Inhaltlich fingen wir bei dem Thema „Fotografieren“ an, das wurde aber bald allgemeiner. L. las uns noch aus einem Buch vor (ich habe den Autor nicht aufgeschrieben, ich muss sie nochmals danach fragen), der mehrere Familienfotografien miteinander verglich und nach Ähnlichkeiten suchte. Das sich Familienmitglieder ähnlich sehen, ist ja jetzt keine bahnbrechende neue Erkenntnis. Allerdings, wenn man Fotografien von mehreren Generationen besitzt und dann ganz genau nachvollziehen kann, wessen Nase im Stammbaum (Tante Irmis Kartoffel-Zinken!) immer wieder zu finden ist, oder ein Zug um die Lippen, schräg liegende Augen, oder der Umstand, dass alle Männer der Familie bleistiftdünn sind… dann wird die Sache plötzlich sehr interessant. Wir sprachen also über den Wahrheitsgehalt von Bildern (vor Photoshop, Instagram und Co.), über den Informationsgehalt, und über den materiellen Reichtum, den es bedeutet hat, überhaupt Fotos anfertigen zu können. Also damals anno irgendwas. L. erzählte von einer Schreibwerkstatt, alle Beteiligten sollten zur ersten Stunde ein Kinderfoto mitbringen um damit theamtisch in die eigene Autobiografie einzusteigen. Diese Vorgabe führte bei einer Teilnehmerin zu bitteren Tränen. Sie besaß keine Kinderfotos von sich. Es lässt sich nun spekulieren, ob sie bzw. ihre Eltern Flüchtlinge waren und keine Fotos retten konnten. Oder ob die Eltern einfach keinen Wert auf Fotos legten bzw. es sich nicht leisten konnten. Heute besitzen sehr viele Leute ein Handy oder eine kleine Knippsi, es wird wild alles dokumentiert. Seit man nicht mehr auf 36 Bilder pro Film begrenzt ist, gibt es keine Unterschiede mehr – alles ist wertvoll, alles ist interessant, ein Daumenkino. Hundert Bilder Wegesrand.

Jedenfalls. Bald entstand die Idee, wir könnten ja auch einen Essay schreiben. Wir sind zwar keine Schreibgruppe, mit Textarbeit und co. Allerdings war die Idee eine von den Guten, die Lust dazu groß, einzig die Entscheidung zu welchem Thema wir einen Versuch starten könnten, machte uns ratlos. Ich habe vor einigen Jahren mal ein Reclam-Heftchen aus der blauen Reihe zum Thema „Essays schreiben“ gekauft. Damit bin ich aber grandios gescheitert. Nur weil mir ein Beispieltext gelungen erscheint, bin ich noch nicht in der Lage, selbst einen Essay zu schreiben.

Hast du dich schon mal an der Form ausprobiert?

Grundsätzlich gilt (für mich), wenn mich etwas interessiert, dann muss ich viel dazu lesen. Lesen, ausprobieren, try and error. Ich nehme also herzlich gerne Empfehlungen guter Essayisten an. 🙂

Das nächste Treffen ist Ende September. J. und E. fehlten gestern Abend, also werden wir wohl auch beim nächsten Stammtisch noch mal über Essays sprechen. Ich bin sehr gespannt, ob mir was dazu einfällt, und was die anderen machen. B. entschied sich einen Essay über das Thema/Wort „anwanzen“ zu schreiben. Das fiel gestern, L. und ich hatten das noch nie gehört. Eine kurze Recherche ergab: umgangssprachlich. Meine Lektorin würde mir das, in einem Manuskript nicht durchgehen lassen. Schade eigentlich, es hat Sound.

Wir sprachen auch noch über den Duden, über die 300 Wörter, die raus gefallen sind. Meine Frage lautet: Gibt es eine Liste im Netz oder in Buchform mit veraltetetn Wörtern, die keiner mehr verwendet? Hm?

~ Caro

Veröffentlicht in Buchmomente, Caro und wie sie die Welt sieht, Leben und all das., Literatur, Rezensionen, Roman

Lese-Monat Juli 2020

Lese-Monat-Juli-2020
Mein Lese-Monat Juli 2020

  • Ingeborg Bachmann – Sämtliche Erzählungen ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Andrzej Sapkowski – Zeit der Verachtung & Feuertaufe. (Hexer-Saga) ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Ildiko von Kürthy – Es wird Zeit ⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Anke Höhl-Kayser – Liebling, ich schreibe dich zu Tode ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
  • Neil Gaiman – Sandman Band 11 Ouvertüre ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Ich stelle mal wieder fest, dass mein Lese-Geschmack sehr viele Genre umfasst. Ernst, heiter, Graphic Novels und co. Die Sandman-Reihe ist mitunter das Beste, was ich je gelesen habe. Der Mann, also Neil Gaiman hat unfassbar tolle Ideen. Ich würde gern mehr in dieser Richtung lesen, also Graphic Novels. Hast du mir irgendwelche Empfehlungen?

Muss man die Umbrealla Academy gelesen haben? Hm? Ich gucke das gerade und überlege, ob ich das noch in Buchform brauche. 

Die Hexer-Reihe begeistert mich sehr. Gut, manchmal ist mir das alles ein bisschen zu viel Politik, aber insgesamt ist es sehr spannend, sehr düster, sehr gut. Fantasy, wie sie sein soll. 🙂

Den Roman von Anke Höhl-Kayser habe ich hier rezensiert. 

„Es wird Zeit“ war mir für meinen Geschmack zu lang. Ich habe mit Judith und Anne sehr mitgefiebert und mochte die Beschreibungen „Wir-sind-diese-Generation“ sehr. Ich habe mich in vielem wieder erkannt, bin völlig abgetaucht. Aber nach der dritten Wiederholung des Lebensgefühls, der Beschreibung der Umstände, Rückblicke in die Kindheit, Betrachtungen der Jetzt-Zeit (es ging um das Thema 50 werden bzw. sein) fing es an mich zu nerven. Es war ein schöner Roman, ich hab das gern gelesen, und bin wie gesagt, völlig in diese Frauenfreundschaft eingetaucht. Und auch das Ende hat Frau von Kürthy rund gekriegt. Da kann man seufzend das Buch zu klappen und sagen: „Schön war´s.“ Aber eben auch lang. 😉

Ich hab die Erzählungen von Ingeborg Bachmann in der Bücherei entdeckt. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich noch nie was von Frau Bachmann gelesen habe. Das werde ich aber jetzt ändern. Die Frau kann schreiben. Ganz großartig. Ich wollte das halbe Buch unterstreichen – all die schönen Sätze, die unterstrichen gehören. Aber das würden sie mir in der Bücherei übel nehmen. Also muss ich das Buch kaufen und nochmal lesen. Ganz klar. 

Mal sehen, ob ich es noch schaffe, die anderen Bücher auch noch ordentlich zu rezensieren. 

~Caro

Veröffentlicht in Leben und all das., Literatur, Rezensionen, Roman

Liebling, ich schreibe dich zu Tode

Hen-Lit mit Fantasy-Elementen

Ich kenne Chick-Lit und auch Fantasy. Wenn die Protagonistin aber knapp 50 ist, sich noch mal wie ein Schulmädchen aufführt und dann noch ein kleines bisschen Magie dazu kommt, entsteht ein neues Genre. Hen-Lit mit Fantasy-Elementen. Also ganz klar; Hentasy. 😄

Silke taucht in ihre Fantasie-Welt ab, wo Männer noch kernige Helden sind, Liebesschwüre schnulzig und das Leben in seiner Gesamtheit aufregend ist. Also all das, was der Alltag einer fast 50jährigen Hausfrau nicht kann. Weil da sind die Liebesbekundungen alt, der Held müde und die Wohnung nicht aufgeräumt. 

Silke fühlt sich von Mann und Kindern schlecht behandelt, sie hat alles satt. Im Frankreich-Urlaub läuft sie ihrem Schwarm, einen Mann, den sie seit Jahren anhimmelt, direkt in die Arme. Das ist natürlich alles kein Zufall. So nimmt die Geschichte ihren Lauf. Silke ist im Alltag selbstlos und nur für ihre Familie da. Doch jetzt holt sie den Egoismus ganzer Jahrzehnte in ein paar Tagen nach. Und alle Charaktere entwickeln ein Eigenleben. Wer genau hat da seine Finger im Spiel bzw auf der Tastatur? 

Die Autorin spielt mit den Klischees bis zur Satire. Der schnöde Alltag trifft auf Sehnsüchte und verborgene Wünsche. Jeden Tag knappst Silke der Familie ein paar Minuten ab um zu schreiben. Sie träumt sich in eine schönere Welt, ohne Bügelwäsche und launige Teenager. Aber nicht nur das. Auf dem Papier erschafft sie sich den Mann ihrer Träume. Sie will gar nicht, dass irgendjemand ihre literarischen Ergüsse liest, sie will nur Zeit für sich, fürs Schreiben, für ihren Aryan. Er ist ein französischer Schauspieler, in den sie sich vor Jahren verliebt hat und das, was sie über ihn schreibt, würde man wohl „Fanfiction“ nennen, wenn die Sache keinen Haken hätte. Ich will nicht zu viel Spoilern. Die ganze Sache ist „stranger than fiction“ und entwickelt sich zunehmend zu einem wilden Road Trip. Da ist alles dabei: Ein Mordkomplott, eine Verfolgungsjagd, dazwischen noch jede Menge Tipps wie man einen Roman schreibt und eine große Portion Humor. Ich hab die ganze Geschichte breit grinsend gelesen und mich über ein paar schöne Wendungen gefreut.   

Veröffentlicht in Caro und wie sie die Welt sieht, Erlebtes, get shorties Lesebühne, Leben und all das., Schreibbude

Der erfundene Mozart

Schreibbude in Heilbronn

Heilbronn, 4. Juli 2020 / Nachlese

Ein Junge kommt zu mir an den Tisch. Er trägt ein Hiphop-Outfit, zumindest halte ich es dafür. Aber ich bin inzwischen alt und out und uncool. Was weiß ich schon. Der Junge hadert mit Worten, kämpft sichtlich. Nicht, weil er der deutschen Sprache nicht mächtig wäre, sondern weil der Gedanke so komplex ist, dass er das nicht einfach mal einer Fremden in der Fußgängerzone vermitteln kann. „Mozart“ sagt er schließlich. Ich schaue ihn an; Capi, T-Shirt, Jeans. Er ist noch in dem Alter, in dem Kinder das hören, was die Eltern mögen. Ich kriege den Wunsch und das Outfit nicht zusammen. 

„Michael Jackson“ sagt er, als ich ihn frage, welche Musik er hört. Aber das war später. Ganze Sätze sind nicht so sein Ding. Die kleine Schwester, ganz in rosa, dolmetscht uns. Sie sieht, selbstbewußt und klar, was hier passiert. Sie kennt ihren Bruder gut. Ich betrachte, kurz abgelenkt, ihre Haare. Die gehören gebürstet. Wild sieht sie aus, lange braune Haare schwirren ihr um den Kopf, wie elektrisch aufgeladen. Ob er ihr einen Luftballon über den Kopf gerieben hat? Assoziationsketten, das ist mein Ding, in meinem Kopf passieren viele Dinge, sehr schnell. Aber das ist manchmal auch hinderlich. Wenn zum Beispiel ein Kind vor mir steht, und nur langsam artikuliert bekommt, was es möchte. Wir klären also die Grundlagen. Ich sitze hier mit meiner Schreibmaschine und erledige Auftragsarbeiten. Gedichte, Kurzgeschichten, Briefe. Was eben gewünscht wird. 

„Schreibmaschinen“, sagt er, die kennt er. Der Papa hat eine. Er benutzt die auch. Die kleine Schwester ergänzt und erklärt mir, was der Papa beruflich macht, wie schwer es ist, auf einer Schreibmaschine zu tippen. Sie rubbelt, beim reden am Reißverschluss ihrer Jacke herum. Rubb rubb, rauf, runter. Ich mag sie, ich erkenne sie. Ich war auch mal eine kleine Schwester, die meinte, die Welt besser zu verstehen als die Großen. Die immer was dazu erklärte. Ich erkläre gern Dinge. 

Der Junge möchte also einen Schreibmaschinen-Text haben. „Mozart“, sagt er. Ich frage nach, und weiter und mehr. Es macht ja einen Unterschied ob es ein Krimi werden soll oder doch eine Geschichte über Elfen und Hausgeister. In meinem Kopf passiert schon wieder diese Sache. Ich krame im Erinnerungslager nach Sachen die ich von Mozart kenne oder über ihn weiß. Viel ist das nicht, muss ich beschämt feststellen. Die Schublade im Erinnerungslager ist praktisch leer. Im realen Leben geht aber das Gespräch weiter. „Nur das“, sagt der Junge. „Nein, keine weiteren Wörter“. 

Mehr braucht er nicht, aber ich schon um loslegen zu können. Also frage ich ihn, welche Musik er hört. Natürlich nicht Mozart. 

Michael Jackson zählt er auf. Und weitere Namen, von denen ich noch nie gehört habe. Weil ich bin ja inzwischen alt und out und uncool. Nicht, dass ich je jung, in und cool gewesen wäre. Als ich so alt war wie der Bub, habe ich Roy Black gehört, weil meine Mutter… ach lassen wir das. Eine unschöne Assoziationskette. Der Junge trägt mir einen Songtext vor. Ich kenne weder Interpret, noch Titel, und sein Englisch klingt so, als hätte er das noch nicht in der Schule. Wann fängt das an? In der fünften Klasse? 

Wieder kommt die Kleine zu Hilfe. Der Bruder hat ein Referat gehalten, in der Schule. 

Über Mozart, jetzt fällt der Groschen. Zumindest denke ich das. Aber ich habe natürlich keine Ahnung. Er will eine Geschichte über Mozart haben. So einfach, so schwer.

„Aber keine erfundene!“, ermahnt mich das wilde Mädchen.  Ich glaube, sie geht noch nicht mal zur Schule, durchschaut aber mich, den Bruder und alles. Rubb, rubb. 

Keine erfundene also, wär ja noch schöner. Einfach was dazuzudichten. Ich versteh das. Wenn man noch so jung ist, dann helfen nur Fakten und Tatsachen. Alles andere ist ja schon verworren genug. Mozart, tippe ich, war ein Wunderkind. Vermutlich hat er ganz viele Dinge gewußt und erklärt. So wie eine kleine Schwester das manchmal macht. Angeblich sollen Kinder ja ganz schlau werden, wenn sie Mozart hören. Also empfehle ich dem Buben Mozart zu hören, nicht nur Michael Jackson. Und die anderen.

Und manchmal ist es auch klug auf seine kleine Schwester zu hören.