Schuld

„Wegen dir haben wir gestritten. Du bist schuld“, sagte sie zu mir. Eigentlich ist Schlafenszeit. Eigentlich müsste ich jetzt das Licht ausmachen und im Dunkeln auf den Schlaf warten. Doch mein Herz klopft in meinem Hals, die Angst kriecht in jede Ritze meines Seelenhauses. Ich will nicht schuld sein. Was hab ich denn gemacht?

Ich sitze auf meinem Bett, mein Buch noch auf den Knien. Vor zwei Sekunden noch, war mein Bett eine schöne Blumenwiese und ich war ganz weit weg. Nun kommt es mir vor, als wäre meine Mutter auf mich zugestürmt gekommen und hätte einen Eimer Dreck über meinem Kopf ausgeschüttet. Ich betrachte meine Hände, und meine Klamotten, die wässrige Pampe tropft aus meinen Haaren auf Schultern und Oberschenkel. Ein Rinnsal wandert meine Nase entlang und hängt an deren Spitze, wie ein Rotzetropfen im Winter. Schuld ist dreckig. Ich denke an das Wort Zementmilch, auch wenn ich nicht weiß, warum. Ich weiß, dass die Suppe, die übrig bleibt, wenn sich Beton entmischt, so heißt. Ich hab es im Fernsehen gesehen. Die Steine und der Kies, die harte Masse bleibt trocken liegen, während sich die Zementmilch davon stiehlt, als hätte sie nichts mit der Sache zu tun. Beton muss in Bewegung bleiben, sonst löst er sich in seine Bestandteile auf.

Sie haben sich gestritten, wegen mir. Ich bin schuld.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich mich wie Zementmilch davon mache. Wir bewegen uns nicht mehr. Die harte Masse wird liegen bleiben, wenn ich weg bin. Ob sie es dann noch für nötig halten sich wieder zu vertragen?

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