Barfuß im Gras

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Sie stand barfuß im Gras. Das hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr getan. Von irgendwoher, weit weg, aus einer anderen Zeit, drang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr. Kind, zieh deine Strümpfe wieder an! Die Füße durften nicht dreckig werden, die Strümpfe mussten an bleiben, die Lackschuhe weiß. Nein, sagte sie. Damals, heute. Und rannte los. Der Klee kitzelte sie weich unter den Zehen, die Gräser und Blumen klopften rau gegen ihre nackten Beine. Der Blütenstaub drang ihr in Nase und Mund, lag dort pelzig auf ihrer Zunge; sie schmeckte den Sommer, eine Mischung aus Gummibärchen und Hansaplast. Sie rannte und rannte, frei und unbeschwert wie lange nicht mehr. Die Grashüpfer und Grillen, aufgescheucht durch ihr Getrampel, ihr Geschrei, sprangen um die Wette, davon. Die Ameisen hielten einen Moment still. Die Eier lagen noch geschützt unter der Erde, die Arbeit ging weiter, ungeachtet von Glorias Glück. Die Welt dreht sich weiter, die Bienen hüpfen von Blüte zu Blüte, vielleicht sind sie die einzigen, die das wirklich verstehen können. Fliegen, wohin der Wind sie trägt, immer zur nächsten Blüte. Glück kennt nur kurze Strecken.

Die Socken flogen durch die Luft, die Blumenwiese und ihre Bewohner werden sich ihrer schon annehmen. Die Schuhe warf Gloria über die Kalksteinklippe, wie ihre Vergangenheit. Sie ließ sich am Aussichtspunkt auf eine braune Holzbank fallen, warm von der Abendsonne, und streckte alle Viere von sich. Ein Grashüpfer hopste auf ihren linken großen Zeh. Ein guter Platz um die Sonne verglühen zu sehen, das fanden beide.

 

 

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