Das blaue Sofa

Ich war am Ende. Heulend saß ich in der Küche und rotzelte in meinen Schwarztee. Anne ließ auf sich warten. Ich hatte meine beste Freundin schon vor über zehn Minuten angerufen und noch immer war sie nicht da.

Dass ein dämliches blaues Sofa so einen Streit auslösen konnte!? Sven und ich waren richtig aneinander geraten. Ich schimpfte mit mir selbst; War es so wichtig welche Farbe das Sofa hatte?

„Ja“, sagte ich laut und knallte die Teetasse auf den Tisch. Der Tee klatschte auf das Holz. Mist!

Ich ging zur Anrichte und holte einen Lappen um die Sauerei weg zu wischen. Mein Blick fiel durch die Tür ins Wohnzimmer, auf das Ungetüm. Ich überlegte kurz, ob ich meinen Tee darüber schütten sollte. Ein cremefarbenes Sofa, gemütlich mit hübschen Kissen, davor ein schöner Korbtisch, ein bisschen shabby chic – das war mein sehnlichster Wunsch seit…, puh, mindestens letztem Dienstag.

Sven, dieser elende Sparfuchs, schleppte mit seinen Freunden dieses Ding an. Vom Sperrmüll. Was dachte er sich nur dabei? Als wären wir Sozialhilfeempfänger. Beim Fernseher, beim Handy, beim Computer spielte Geld doch sonst keine Rolle.

Ja, gut, das Sofa war gut in Schuss, keine Gebrauchsspuren, keine Flecken, keine Macken wie er freudestrahlend verkündet hatte. Das sah ich auch. Aber es war vom Sperrmüll! Wer hatte vorher darauf gesessen? Sex gehabt? Es schüttelte mich angesichts der Vorstellung von einem langhaarigen Rocker mit Tatoos überall auf der Haut, und Nudel-Asia-Suppe, die er vor dem Fernseher schlürfte. Ich ekel´ mich ganz allgemein vor Männern mit langen, ungepflegten Haaren und Nudel-Asia-Suppe.

Sven resignierte angesichts meiner Schimpftirade, eine dreiviertel Stunde zeterte ich mit ihm, nun schämte ich mich allein in der Küche. Die Tür hatte er laut ins Schloss geworfen, der Lärm dröhnte noch in der Stille danach.

„Vermutlich“, hatte er geschrien, „hat das Sofa ein Mann gekauft, für seine Frau, als Überraschung und sie hat ihn samt Sofa und den Scheidungspapieren vor die Tür gesetzt. Weil ihr die Farbe nicht gefiel.“ Den letzten Satz brüllte er mit erhobenem Zeigefinger, als wollte er die Luft piesacken.

„Scheidungsblau!“, schrie ich zurück. Wums. Die Tür. Sven war weg und Anne noch nicht da um mich zu beruhigen, und mir Recht zu geben.

Ich hatte mein Handy in der Hand. Soll ich ihn anrufen? Wie werde ich das Sofa wieder los und bekomme meinen Mann zurück?

Unsere ganze Renovierungsaktion war eine dumme Idee gewesen. Die Wohnung war völlig okay, so wie sie war. Ich wollte alles wieder so haben wie früher. Die alten Möbel, die alte Farbe, ja auch seine Golfschläger durften wieder ins Wohnzimmer, wenn es sein musste auch die Poker-Trophäen. Als letztes Friedensangebot, sozusagen. Alles, nur das blaue Sofa nicht.

Anne. Ich hörte ihre stapfenden Schritte im Treppenhaus. Ich schmiss den Lappen in die Spüle und rannte zur Tür. Heulend fiel ich ihr auf dem Treppenabsatz in die Arme.

„Du glaubst nicht, was dieser Blödheinz wieder angestellt hat“, schluchzte ich.

Anne bugsierte mich zurück in die Wohnung, ins Wohnzimmer, auf das verflixte blaue Sofa.

„Mensch, gemütlich habt ihr es hier“, sagte Anne und legte die Füße auf den Wohnzimmertisch. „Erzähl, Süße, was war los?“

„Du sitzt drauf!“

„Was denn? Dieser blaue Traum?“ Anne klopfte auf die Polster und strich mit beiden Händen genüsslich über den Stoff. Wäre Anne eine Katze, hätte sie in diesem Moment wohl das Schnurren angefangen.

„Alptraum meinst du wohl. Das Ding ist doch scheußlich.“

„Oje.“ Anne sah mich an, dann das Sofa und vermisste Sven in dem Szenario. Ihr war alles klar.

„Liebste Jonna, du bist ausgeflippt, als Sven ein New-York-Poster im Arbeitszimmer aufgehängt hat und auch wegen dem braunen Läufer im Flur. Du erträgst seine grüne Zahnbürste nicht neben deiner rosafarbenen, du magst weder seine Schuhe, noch seine Klamotten die er sich selber aussucht. Entweder du lässt dich von einem Arzt farbenbild operieren oder du trennst dich. Ich bin es leid.“

„Oh oh, du elende Verräterin. Magst du das Messer das du mir gerade in den Rücken rammst noch umdrehen, damit sich die Wunde nicht schließt?“ Erstaunlich schnell versiegten meine Tränen und ich gab mich meiner Wut hin. Ich trat gegen das Sofa, rannte los um die Teetasse zu holen, um die auch noch irgendwo hinwerfen zu können, und grummelte wie ein alter Bär.

„Liebst du Sven?“

Abrupt blieb ich stehen. „Ja, verdammt, aber deshalb muss ich doch nicht…“

Anne grinste. „Wie in guten Zeiten so in Schlechten, in schönen Farben und in blau.“

Ich presste meine Hände vor den Mund. Ich wollte nicht, dass Anne mein Lachen sah. Anne klopfte auf den leeren Platz neben sich. „Komm, Süße. Jetzt retten wir deine Ehe, ok?“

„Na gut.“ Ich gab klein bei. Weil ich mir blöd vorkam, und weil ich Sven liebe, und weil er immer alles schön findet was ich anhabe und kaufe und in der Wohnung dekoriere. Er hat keinen Geschmack und keine Ahnung, aber er sagt immer die richtigen Sachen im richtigen Moment. Und mit Annes Worten: So ein Mann ist ein 6er im Lotto.

So was sagen aber auch nur Single-Frauen die sich nicht mit Sperrmüll-Sofas herum ärgern müssen, dachte ich still und setzte mich endlich.

„Und jetzt?“

„Jetzt brauchst du ein Friedensangebot.“

Ich überlegte. Ja, ich dachte durchaus für eine Sekunde an die Karten für das nächste Fußballspiel, oder das Pay-TV oder diese eine Stellung im Kamasutra, die er endlich mal ausprobieren wollte. Doch dafür war der Streit nicht heftig genug gewesen, entschied ich. Ich spare mir gewisse Dinge auf, für Notfälle.

Ich hörte Schritte im Treppenhaus. Sven? Ich rannte zur Haustür, riss selbige auf und stand vor…

einer rotgelockten Frau.

Sie trug eine Latzhose mit Farbflecken drauf, ein ausgeleiertes T-Shirt, vermutlich von ihrem Mann, ich konnte die Umrisse des Jägermeisters-Logo ausmachen. Die Fingernägel waren lila. Noch so eine Farben-Legasthenikern wie mein Sven. Hinter dem Latzhosenweibchen schlurfte ein blonder Typ die Treppe hoch, Cordhosen, selbstgestickte Socken, selbstgestrickter Pulli, das Ganze in Ocker und Oliv.

„Wir wollen unser Sofa zurück!“, fing die Lockige an, ohne Hallo oder eine Erklärung.

„Ja, genau“, sagte der Cordhosentyp, bemüht cool.

Mir dämmerte. Dennoch stellte ich mich erst mal dumm: „Hä?“

Das Latzhosenweibchen war eindeutig die Dominate in dieser Beziehung. Sie stemmte die Hände in die Hüften, stellte sich breitbeinig vor mir auf und beugte sich leicht nach vorn.

„SIE haben UNSER Sofa mitgenommen. WIR ziehen gerade in die Gartenstraße ein, unsere Möbel standen vor dem Haus. Wir haben uns durchgefragt, weil unser Sofa gestohlen wurde! Mehrere Nachbarn haben gesehen, wie es hier her getragen wurde. Rücken Sie das Teil raus!“

Anne trat hinter mich an die Tür um mitzubekommen, was da vor sich ging. Nicht dass es nötig gewesen wäre – vermutlich hörten die Nachbarn drei Straßen weiter noch, was sich hier abspielte.

Das Latzhosenweibchen stutzte, zwei Frauen? Anne legte den Arm um mich. Wir kommunizierten stumm.

Du willst das Sofa los werden und deinen Mann zurück, hier liegt ein Missverständnis vor. Perfekte Lösung, sagten Annes Augen.

Das war mir auch klar. Aber Sven gefiel das Sofa, er wollte mir eine Freunde machen, nun konnte ich doch nicht einfach klein bei geben. Ich würde das Sofa verteidigen, komme was da wolle. Anne verdrehte die Augen. Du spinnst total, sagten sie. Aber auch das wusste ich schon.

„Hier wurde kein Sofa her getragen. Als hätten wir es nötig Möbel vom Sperrmüll mitzunehmen. Keine Ahnung wovon sie reden.“

„Das war kein Sperrmüll, das ist unsere Einrichtung“, brüllte das Latzhosenweibchen, „unser neues Sofa, für unser neues Heim.“

„Welche Farbe hat das gute Stück denn?“, fragte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. Anne verzog sich in die Küche, ein schallendes Gelächter konnte sie einfach nicht unterdrücken.

„Es ist blau, und das wissen Sie!“ Das Latzhosenweibchen sah aus als würde sie gleich Feuer spucken. Der Cordhosentyp blieb ruhig. „Hey, Hasenöhrchen, vielleicht haben wir uns im Haus geirrt. Lass uns doch noch mal fragen gehen.“

„Ja, fragen sie doch woanders.“

Das fiel dem Latzhosenweibchen aber gar nicht ein. Sie versuchte mich zur Seite zu schieben, um in die Wohnung zu kommen, doch ich stemmte mich gegen sie. Sie kam mir vor wie ein Krake – ihre Arme waren überall.

„Anne! Anne!“

Sie kam aus der Küche gerannt, der Cordhosentyp versuchte seine Frau davon abzuhalten mir die Haare auszureißen und zerrte sie zurück. Mit einem Büschel von meinen Haaren in der Hand, einem irren Ausdruck im Gesicht, von den Armen ihres Mannes umschlungen stand sie keuchend auf dem Treppenabsatz.

„T´schuldigung. Manchmal ist sie so temperamentvoll.“

„Hör auf dich für mich zu entschuldigen!“, brüllte sie und versuchte sich ihm zu entwinden.

Anne hielt wiederum mich fest, ich hatte nicht nur Haare eingebüßt. Die Bluse war eingerissen und ein Veilchen kündigte sich auch an. Anne schob mich in die Wohnung und schloss die Tür.

„Sag mal, hast du einen Knall?“

„Sie hat angefangen!“

„Du willst das blöde Ding doch gar nicht!“

„Doch. Jetzt schon. Ich kauf einen hübschen Überwurf, dann passt das super hier in die Wohnung“, sagte ich, ging in die Küche auf die Suche nach gefrorenen Erbsen für mein geschwollenes Auge.

 

 

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4 Kommentare

  1. das ist so eine Situation , wie ich sie schon des öfteren erlebt habe , eigentlich nix wirklich Positives, denn wie oft kommt es vor das man fast schon widerwillig irgendetwas in Besitz nimmt , sich die Situation aber dramatisch ändert sobald jemand seine Hände danach ausstreckt und man plötzlich ganz dicke Ellenbogen bekommt um das zu verteidigen …… und alles nur um es zu besitzen , aber eigentlich ohne die Notwendigkeit es auch tatsächlich gebrauchen zu wollen. Haben Haben Haben , ja so iss das

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