Meerparade

Über Wibke bin ich bei Hannes gelandet und habe die Meerparade entdeckt. Da will ich natürlich nicht fehlen und beteilige mich herzlich gerne mit einer kleinen Kurzgeschichte.

Schöner fremder Himmel

Mir fiel eine alte Zeichnung in die Hände.

Es ist nur ein paar Jahre her, dass ich das Bild gemalt habe. Ich war am Strand, mit meinen Eltern im Urlaub. Es war mein letzter Urlaub mit ihnen, nur wusste ich das noch nicht. Ich glaube, sie wussten es schon. Eltern merken so was. Vor allem, wenn sie mehrere Kinder haben. Beim dritten haben sie dann schon Routine.

Wir waren an der Ostsee, ich fand es stinklangweilig, so wie ich meine Eltern langweilig fand, mein Leben, das Fernsehprogramm, und ich war so fantasielos zu meinen, das ginge ewig so weiter. Blöde Eltern, die einen zu Urlauben zwangen, die man nicht machen will, und Langeweile, die andauert, bis man stirbt, also mit zwanzig oder so. Danach kommt ja nichts mehr.

Ich saß da am Strand und führte mich ziemlich pubertär auf. Ich hatte beschlossen kein Wort mit meinen Eltern zu sprechen, und zu schmollen. Ohne besonderen Grund.

Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich was Aufregendes machen würde, Safari in Afrika oder exotisches Essen in Indien. Ja, ich dachte wirklich, würde ich etwas mit Curry essen, wäre mein Leben viel aufregender und un-langweilig. Auf jeden Fall besser als die scheiß Ostsee.

Ich hatte ein Schulheft bei mir. Ich kam mir unglaublich toll vor, mit meinem Heft, das amerikanisch aussah, weil das Papier gelb war, wie in den Serien im Fernsehen, und der Umschlag war nicht so typisch wie unsere Staufen-Hefte, sondern es war ernst-schwarz, mit rotem Rand. Meine Eltern bilden sich viel auf ihre teure Bibel mit Goldrand ein, ich auf mein Schulheft in rot.

Ich wollte die Welt neu erfinden, mindestens! Und ich dachte, wenn ich all meine pubertären Gefühle da hinein schriebe, mit einer Tiefe, die kein fühlender Mensch je empfunden oder beschrieben hat, dann wäre ich besonders einzigartig. Die Arroganz der Jugend ist was Tolles. Je größer das Gefühl die Welt verloren zu haben umso größer wird der Zorn. Mit Zorn im Bauch fühlt man sich immer Einsam, das versteht sowieso keiner.

Mit diesen Gedanken, schweigend, saß ich am Strand. Meine Eltern im Bikini und Adidas-Speedo, ich in voller Montur. Turnschuhe und Jeans und Pulli.

Zwischen den Seiten meines Schulheftes bröselte Sand, meine Schreibhand hatte schwarze Tintenflecke an Daumen und Zeigefinger. Ich griff immer mit Absicht an die Feder meines Füllers, um noch mehr nach einer gequälten, einsamen Seele auszusehen, die ihren Kummer nur geduldigem und verständnisvollem Papier anvertrauen kann. Das Bild, das ich mit meiner schwarzen Tinte in

dieses Heft malte, war eine Mischung aus Träumerei und diesem letzten Urlaub. Ein afrikanischer Elefant marschierte über den Ostseestrand, mit einem Leuchtturm auf dem Rücken. Ich sah ihn deutlich vor mir. Meine ganze Sehnsucht, und all meine Empfindungen, zu denen man mit 16 fähig ist, steckten in diesem Bild. Der Leuchtturm wuchs wie eine Pflanze aus dem Rücken des Tieres, es war dunkel – nein, kein windiger Sommertag, sondern dunkel, ganz finster wie in mir, und das Licht tastete

langsam die Umgebung ab. Das Wasser, den Strand, das Dahinter, was immer dahinter sein mochte. Ich stellte mir vor, der Leuchtturm wäre ein lebendes Wesen mit Namen und dem Verständnis fürs Universum. Mir gefiel die Vorstellung, der Turm könnte mit den Sternen kommunizieren und wäre alles andere als allein. Wie kann man denn Allein sein, mit tausenden von Freunden, die zurück blinken? Kosmische Smileys, die am Himmel zwinkern und küssen und rollen vor lachen.

Ich habe dieses Bild gesucht. Vielleicht war es auch ein bisschen auf der Suche nach mir.

Vieles, was mir als Kind wichtig war, habe ich in eine Kiste gepackt, und unter das Bett

geschoben, zu Staubflusen und der Vergessenheit. Alles Vergangene kann in eine

Kiste mit Deckel, dachte ich.

Ich habe dieses eine Bild aus dem Heft heraus gerissen. Eine Weile trug ich es mit mir herum, in anderen, neuen Notizbüchern, im Geldbeutel, in der Handtasche, als Lesezeichen in meinen Büchern. Irgendwann war es weg. Nicht verloren, nur einfach unwichtig geworden. Ich hatte es in ein Buch gesteckt, und das Buch ins Regal gestellt, und das Leben ging weiter, und ich fühlte neue Dinge, die wenig mit Elefanten und Leuchttürmen und pubertären Gefühlen am Strand zu tun hatten.

Meine Eltern fahren nicht mehr an die Ostsee. Ich bin sicher, sie ahnten auch das. Wenn drei Kinder groß sind, und nicht mehr mit in den Urlaub kommen, verändern sich die Ziele.

Ich habe es gesucht, das Bild, unbewusst und gefunden, ganz zufällig. Es ist doch nur ein paar Jahre her, dass ich ein Teenager war. Es steckte als Lesezeichen in Mamas Reiseführer. Hab ich es da rein gesteckt, oder sie? Ich weiß es nicht. Eigentlich wollte ich nach Afrika oder nach Indien, unter einen schönen, fremden Himmel, dem ich keine Langeweile unterstelle.

Ich habe mich aber um entschieden. Ich fahre an die Ostsee, zu meinen Erinnerungen.

©aro

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