Erinnerungs- und Familienkram

Mein Bruder reichte gerade mal mit der Nasenspitze über die Tischplatte, als er mit erhobener rechter Faust von unserem Tisch zu dem der Nachbarn tappte mit einer Mission. In der kleinen Faust war eine weiße Kerze, sein ganzer Stolz. Das Ehepaar beachtete ihn nicht. Er legte die Finger seiner Linken auf den Tisch, die Faust war immer noch erhoben, blaue Augen huschten von ihr zu ihm und zurück.
„‚Tschuldigung, derf i bei Ihnen mei Kerz‘ a’brenne?“, brüllte er und jeder im Wirtshaus beachtete ihn nun.
Das Ehepaar starrte entgeistert auf das blonde Kind zwischen ihnen. Es waren norddeutsche Menschen, wohl ohne Humor.
Der Mann blickte sich hilfesuchend um. Mein Vater, kichernd mit roten Ohren vor Scham, war eindeutig als Vater des Buben zu erkennen.
„Wie bitte?“, fragte der Angesprochene höflich in Richtung meiner Eltern.
Meine Mutter, des Hochdeutschen mächtig, übersetzte: „Er möchte seine Kerze bei ihnen anzünden.“
„Aha“, brummte der Mann, immer noch ratlos. Er blickte von meinem Bruder zur Bedienung, zu meiner Mutter, in fremde Gesichter. Was macht man mit einem Kind, das nach Feuer fragt? Darf man dem nachgeben? Er dachte angestrengt nach.
„Derf i?“, fragte mein Bruder erneut, „bitte!“, setzte er hinzu. Das Kinn gereckt, die Faust immer noch zur Kerzen-Revolution erhoben. Er war schon immer hartnäckig, wenn er was wollte. Die Frau erbarmte sich. Sie nickte meiner Mutter zu, die nickte zurück, und mein Bruder durfte den Docht seiner Kerze an die Brennende der humorlosen Nördler halten. Er strahlte übers ganze Gesicht. Er trug sein Feuer an unseren Tisch, als wäre es olympisch, meine Mutter würde ihm wohl Gold um den Hals hängen, wenn sie welches parat hätte.
Die Bedienung kam an unseren Tisch, mein Bruder setzte sich, die Ordnung war wieder hergestellt, jeder Tisch im Wirtshaus war mit einer brennenden Kerze ausgestattet, jetzt durfte es um das Essen gehen.
„Einmal die Gemüsequich“, sagte sie und stellte den warmen Teller vor meiner Mutter ab, „und einmal der Kinderteller.“ Letzterer fand Platz vor meinem Bruder. Ich mopste ihm ein Pommes.
Er sah unglücklich aus. „Aber die Gemüsekirsche isch doch meins“, sagte er und zog eine Schnute. Nun war die Bedienung verdattert. Wir wurden immer noch angeglotzt, als wären wir die neueste Vorabendserie. Die Bedienung tauschte die Teller, rückte die Kerze zurecht und wünschte guten Appetit.
„Und du?“, fragte meine Mutter. „Ich“, sagte ich, „will nur ein Eis.“

 

 

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