Freitagsfoto; Nähversuche

BlumenstoffLiebes Universum,

ich nenne die ganze Aktion: Die Entdeckung der Weiblichkeit.

Wobei mir nicht ganz klar ist, ob ich die überhaupt entdecke, oder ganz was anderes. Ich war nie eins der Mädchen, das mit Puppen spielt und zum Ballettunterricht geht. Meine Mutter hätte das wohl gern gehabt, stattdessen rannte ich in verschlissenen Jeans herum, hatte aufgeschürfte Knie und war verdammt gut im Tor.

Wenn ich zurück denke, legt sich ein Schleier über das was wirklich gewesen ist und macht es romantischer, wilder als es tatsächlich war. Kind sein, frei sein, auf die Hausaufgaben pfeifen und ganze Nachmittage auf der Wiese hinter dem Haus verbringen, im hohen Gras rennen, die Blüten und Gräser und Bienen gegen die nackte Haut dotzen lassen und sich nicht drum kümmern, Grashüpfer einfangen und Mutti mit einer Blindschleiche aus Gummi erschrecken. Was haben wir gelacht.

Und jetzt? Jetzt schreibe ich über romantisch-wilde Nachmittage, statt über die Wiese hinter meinem Haus zu rennen, Grashüpfer zu fangen, und Nachbarn zu erschrecken. Meine Schildkröten lümmeln müde in der Sonne, und ich beneide sie, während ich in einer Sporthose stecke, Kaffee schlürfe und Sklave bin, meiner eigenen Zeit, und dem was ich damit anfangen will. Man muss so viel. Die Arbeit, und langweilige Veranstaltungen, einkaufen und bügeln, und vernünftig sein. Irgendwo dazwischen noch ein paar Zeilen schreiben über Dinge, die man erlebt hat, Dinge die man gern erleben würde, und wieder andere Dinge, die man erzählen muss, weit entfernt von Lügen und der Realität. Mein Schlupfloch. Es ist wie ein Griff im Nacken, eine starke Hand, die mich an den Schreibtisch zerrt oder von mir verlangt, sofort und gleich, das Notizbuch voll zu schreiben, in meiner unleserlichen Handschrift. Um dann zufrieden zu sein, für eine kleine Weile. Bis die Hand wieder zupackt.

Es war im letzten Jahr, da frug eine gute Freundin: Willst du vorbei kommen? Nähen?

Und ich dachte: Nähen?

In der Schule hatte ich Nähunterricht. Ich habe gelernt, die Maschine zu bedienen, musste als Projekt eine Decke fertigen, weil ich mich geweigert habe, damals mit 15 einen niedlichen Bären zu machen. Was soll ich mit einem Bären? Heute, wenn ich einen gemacht hätte, und drauf zurück blicken könnte, fänd ich es irgendwie nett. So wie Katzen-Content. Awww.

Ich habe eine Decke genäht, und nicht besonders gut. Der Stoff war störrisch, die Nähte hielten nicht, warm war das Ding auch nicht. Hübsch anzusehen? Vielleicht, von einer Seite. Die andere? Reden wir nicht davon.

Ich war dankbar für die Einladung, es war Sonntagnachmittag, es hat geregnet und meine aktuelle Lektüre war langweilig. Also fuhr ich zu ihr. Ich habe ein T-Shirt genäht. Ohne den strengen Blick meiner Lehrerin von damals. Der Stoff war nicht störrisch, die Nähte halten noch immer – es ist schick und das Gefühl „Das habe ich gemacht“ sehr schön. Es folgten weitere. Inzwischen habe ich, aus dem obrigen Blumenstoff ein Kleid genäht. Ich habe den Stoff ausgesucht. Er kommt meiner Blumenwiese von damals wohl am nächsten und ist das weiblichste, das schönste Stück, das ich je besessen habe. Ich habe den Schnitt ausgesucht, die Arbeit gemacht.

Zum ersten Mal, seit langer Zeit, erfahre ich diesen Flow ausserhalb des Schreibens; zufrieden zu sein, konzentriert und ruhig zu sein, ohne die Überschrift „Du musst“. Ich könnte das Kleid anziehen, ein Foto machen, und es teilen, in der Hoffnung, dass jemand sagt; Hui, toll. Aber das werde ich nicht tun. Nicht, weil es zu persönlich wäre, sondern weil es dieses Mal einfach Meins ist. Manche Dinge müssen nicht von anderen für gut befunden werden. Manchmal weiß man es einfach und das ist dann gut genug.

 

~Caro

 

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