Mutti und ich

Meine Mutter und ihre beste Freundin entmisten regelmäßig ihren Kleiderschrank. Ich hab das noch nie verstanden; Das Klischee einen Schrank voll nichts anzuziehen zu haben. Die beiden trinken Prosecco und sehen Shopping Queen und giggeln wie die Kinder. Meine Mutter hat versucht mich in diesen Club aufzunehmen. Einverleiben wollte sie mich, zwangsweise. Wozu hat man denn ne Tochter? Eine der beiden Frauen – ich nenne keine Namen – hat eine Kreditkarte geheiratet und wenn sie im Geschäft sagt, sie habe Größe 42, dann bringt die Verkäuferin 46 und das passt dann wie angegossen. Wie Zelte eben passen. Eine der beiden – ich nenne keine Namen – besaß einen Hosenanzug aus Leder. Er passte nicht mehr, und das gute Stück war zu Schade für die Altkleidersammlung. Eh klar.

Die beiden Frauen saßen in unserem Wohnzimmer, nach dem dritten Glas Sekt kamen sie auf die glorreiche Idee mir das gute Stück zu vererben. Ich war damals 16, man glaubt es kaum, ich war damals noch kleiner als heute und erheblich schlanker. Ich kaufte noch in der Kinderabteilung ein, 158.

Ich hatte keinen Bock auf die Scheiße. Ich motze, ich meuterte, nölte und quengelte. Es half nicht. Normalerweise hatte meine Mutter nach der dritten patzigen Antwort die Schnauze voll von mir, diesmal nicht. Nachdem mir das Taschengeld für einen Monat gestrichen und mir Hausarrest bis zu meiner Hochzeit verdonnert wurde, probierte ich das scheiß Teil eben an.

Die Hose war zu lang. Der Hosenbund kniff unter den Achseln und die Hosenbeine konnte ich nicht bis zu den Knöcheln hoch raffeln, weil das Ding an den Waden zu stramm saß. Ich stand also auf den Hosenbeinen; auf sehr weichem, türkisfarbenem fingerdickem Leder. Meine Mutter krempelte den Bund nach innen, zwei Mal, damit der Hosenbund wenigstens circa auf Höhe meines Bauchnabels auflag. Stau am mittleren Ring, würde der Münchner dazu sagen. Während ich die Jacke überstreifte, sagte meine Mutter wiederholt mit einem Seufzen: So ein schöner Anzug. Echtes Leder.

Und die Freundin meiner Mutter sagte: Und so teuer.

Als wenn teure Dinge schön sein könnten. Ich sagte gar nichts mehr.

Die Ärmel waren zu lang, selbst mit ausgestreckten Armen konnte ich nur noch meine Fingerspitzen sehen. Die Jacke war auch zu lang. Sie endete kurz über meinem Knie. Wenigsten war so der gekrempelte Bund nicht zu sehen. Ich schlang mir die Jacke um den Leib, meine Mutter wickelte den Gürtel der Jacke zwei Mal um mich und verknotete das Elend. Ich sah aus wie ein türkisfarbenes Michelin-Männchen. Ich war mir sicher, jetzt musste den beiden Frauen aufgehen, dass selbst die Kuh, der die Haut mal gehört hat, scheiße ausgesehen haben muss.

Doch meine Mutter sagte ganz trocken: Da wächst du noch rein.

 

Ich hab übrigens immer noch Hausarrest.

Advertisements

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s