Werd´endlich erwachsen!

„Werd‘ doch endlich erwachsen!“, blafft sie mich an. Einen Moment bin ich irritiert. Für eine schlagfertige Antwort dauert das zu lang. Ich bin 32 und überlege, den Bruchteil einer Sekunde lang, ob ich der blöden Kuh meinen Kakao über die Rübe kippen soll. Ich habe noch Zeit zu denken, dass ein Sahnehäubchen auf ihrem weißen Haar bestimmt hübsch aussähe. Schade, dass ich keine Sahne bestellt habe.

Dann habe ich mich wieder. Gedanken, Zorn, Trotz. Ich kippe ihr nichts über dem Kopf. „So erwachsen wie du bist, will ich nie werden“, blaffe ich zurück.

Die Verwandtschaft und diverse Freunde sind zusammen gekommen, um irgendjemanden dazu zu beglückwünschen, dass er ein alter Furz geworden ist. Und ich mitten drin. Die Torten sind Diabetes-tauglich und kunststoffsüß, die Rollatoren stehen in einer Reihe im Flur des Gasthauses. Übergewichtige, vollbusige Frauen bringen Rentnerportionen und kneifen kleine Kinder, auf dem Weg zurück in die Küche, in rotglühende Wangen. Es ist laut, es ist warm, es ist langweilig.

Mir gegenüber sitzt Tante Christa, die ich noch nie leiden konnte. Sie ist einen Kopf kleiner als ich, dürr wie ein zehnjähriges Mädchen, aber so giftig, wie eine Viper.

Christa bestellt eine Mokkasahnetorte und eine Tasse Kaffee. Nicht für sich. Für mich. Ich soll das essen und trinken und sie will mir dabei zuschauen. Ich rufe die Bedienung zurück, ordere Kakao ohne Sahne. Nein danke, keinen Kuchen.

Christa ist empört. Darüber, dass ich ihr diesen kleinen Gefallen nicht tun will, darüber, dass ich in meinem Alter immer noch keinen Kaffee trinke, und es ist nahezu ein Sakrileg die gute Mokkasahnetorte, von Tante Monika, gänzlich abzulehnen. In Tante Christas Universum gibt es keine Mokka-Kostverächter. Die Ironie, dass sie zwar Mokka mag, aber nicht isst, entgeht ihr völlig.

„Werd‘ doch endlich erwachsen“, blafft sie mich daraufhin an.

Wenn Christa sich was gönnt, dann isst sie einen halben Apfel. An einem Tag wie heute, gibt es für sie ein Glas Wasser, ohne Kohlensäure natürlich, und Pilger-Geschichten für alle. Verzicht und Strapazen, das ist ihre Vorstellung von einem guten Leben. Kakao passt da nicht rein. Nicht mal zusehen kann sie.

„Nehmen wir kurz an, es gibt Gott. Und er hat die Schokolade erfunden. Dann ist es doch meine Pflicht als guter Christ, seine Schöpfung zu ehren. Man stelle sich mal vor, am Ende, ganz am Ende, da treffe ich auf einen hutzligen Mann in Jogginghose, der auf einem galaktischen Sofa flätzt, sich das Universum-TV rein zieht, sich am Sack kratzt und mich dann fragt: Wieso hast du ignorante Sau die Schokolade, die ich dir zur Verfügung gestellt habe, verschmäht? Hm?

Was soll ich dann sagen?“

Christa ist entsetzt. Über drei Tische hinweg mault sie meine Mutter an.

Sie fängt mit „Deine Tochter“ an, referiert über das Erwachsen sein ganz allgemein, dann kommt noch was mit „dieses gottlose Kind“ und endet mit „schlecht erzogen“. Das ist meiner Mutter alles nicht neu. Deswegen regt sie sich schon lange nicht mehr auf.

Der Kakao kommt. Obwohl er zu heiß ist, trinke ich einen großen Schluck und wische meinen Kakaobart nicht weg. Christa berührt hektisch ihre Oberlippe. Wischt und zeigt und greift mit der Linken nach ihrer Serviette. Ich bin eindeutig zu alt, um mir das Gesicht mit Spucke und einer Serviette reinigen zu lassen. Das weiß sie auch.

Ich mache „Mhmmm“.

Christa nicht.

Manch ein Onkel fummelt an seinem Hörgerät, meine Mutter tötet mich mit Blicken. Ich empfange die Botschaft „Hör auf damit, die Frau hat eh nicht mehr lang.“ Vermutlich stirbt Tante Christa mal am Hunger, statt an Krebs oder Herzversagen, wie normale Leute. Irgendjemand sagt „Die jungen Leute von heute“, und Tante Christa und ich verdrehen die Augen. Das einzige Mal, dass wir uns einig sind.

Ich atme, laut und hörbar und seufzend, was Tante Christa noch mehr aufregt.

„Was hast du denn jetzt zu schnaufen?“ Danach referiert sie etwa zehn Minuten lang darüber, dass jemand wie ich, der die Entbehrungen des Krieges nicht erlebt hat, auch nichts zu schnaufen hat. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder das Leben an sich schwer nähme? Sie ist 1956 geboren, aber ich sage nichts, nippe nur ein weiteres Mal an meinem schokoladigenen Heißgetränk. Mit kindlicher Freude schiebt mir Onkel Karl das Zuckerdöschen über den Tisch. Ich lasse einen Würfelzucker in Form eines Herzchens in meiner Tasse verschwinden.

„Erwachsen sein wird total überbewertet“, sagt er. Onkel Karl sagt immer nur einen Satz pro Tag, mehr gestattet ihm Christa nicht. Ich lächle ihn an, und freu mich, dass dieser eine Satz mir gegolten hat. Das kommt nur alle paar Jahre vor. Er zwinkert. Christa schnauft.

„Hast du´s schwer, Tante Christa?“, frage ich. Ich bekomme keine Antwort, weil meine (gefühlt) siebzehn rosafarbene Cousinen „Alle Vögel sind schon da“ als Geburtstagsständchen auf der Flöte anstimmen. Gott, bin ich froh, dass ich für den Scheiß zu alt bin.

Advertisements

7 Kommentare

  1. Sehr schön. 🙂 Leute, die einem sagen, man soll endlich erwachsen werden, nur weil man sich nicht von ihnen vorschreiben läßt, was man isst und trinkt. Der Widerspruch in sich – ich könnte aus der Haut fahren, wenn sowas passiert. 😉 Was mich aber noch brennend interessiert … basiert auf wahren Begebenheiten? 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s