Auf dem Dachboden

Ich war auf dem Dachboden. Wenn ich meinen Freunden erzähle, „Ich war auf dem Dachboden“, dann meinen sie immer, ich sei in einem staubflirrenden Albtraum, in dem man nicht aufrecht stehen kann und sich jeden Meter an einer Kiste anstößt. Ich habe ein Talent dafür mich überall zu stoßen, den Zeh am Bettpfosten, die Wade am Couchtisch, den Ellenbogen am Türgriff, den Kopf an Dachschrägen. Sehr gerne klemme ich mir den Finger ein, zwischen Tischplatte und Armlehne meines Schreibtischstuhls. Nicht so auf diesem Dachboden. Meine Oma hat hier gewohnt. Obwohl sie eine komplett eigerichtete Wohnung hier oben hatte, als sie noch lebte, sagte bis zum Schluss „mein kleiner Dachboden“, als würde sich in dem Ausdruck ein magischer Schatz verbergen. Meine Oma glaubte an Magie – sie war auch sonst nicht wie andere Omas. Zumindest nicht wie die Omas meiner Freundinnen.

Sie hatte schlohweißes schulterlanges Haar. Weil ihr das aber zu langweilig war und sie keine von den lila gefärbten Dinosauriern sein wollte, ging sie alle 6 Wochen zum Frisör und ließ sich exakt eine Strähne grün färben. Grün war nämlich ihre Lieblingsfarbe. Weil sie die Farbe Grün so gerne mochte, hatte sie auch kein normales Haustier. Keine Katze, keinen Hund, keinen Wellensittich, keinen Hamster.

Sie hatte eine Landschildkröte namens Berti. Berti war sehr klein, musikalisch und verschmust. Vermutet man jetzt nicht unbedingt , wenn man ihn so sieht. Wenn meine Oma das Radio einschaltete, wurde Berti plötzlich hektisch. Er stemmte seine vier „Stampferfüßle“ gegen den Boden, hob seinen Panzer an und watschelte los. Aufs Radio zu. Das Radio stand im Wohnzimmer auf dem Boden und Berti durfte sich in der Wohnung meiner Oma frei bewegen. Meine Oma hatte keinen Garten und sie wollte nicht, das Berti dick wurde, wenn er nur in seinem Terrarium herum marschierte.

„Wir lassen ihn ein bisschen rennen“, sagte meine Oma zu mir, wenn ich sie besuchen kam. Dann musste ich das Schild „Berti hat frei“ an die Türklinke zum Wohnzimmer hängen, damit auch kein Besuch unachtsam war und versehentlich auf ih trat.

Es war nicht ungewöhnlich, dass meine Oma aus heiterem Himmel schrie: „Vorsicht, Berti kommt!“

Das Radio stand nämlich deshalb auf dem Boden, damit Berti – wenn ihm die Musik nicht zusagte, mit dem Kopf gegen den Sendersuchlaufknopf stupsen konnte. Meine Oma war der festen Überzeugung, er würde das ganz bewusst machen und er hätte einen sehr ausgewählten Geschmack was Klassik anging. Ich fand, dass meine Oma spinnt, weil Berti auch gern gegen Wände und Möbel lief, und wild mit dem Kopf anstupste, was ihm gerade im Weg war.

Meine Oma hatte eine Schuhschachtel mit Knöpfen darin. Sie liebte diese Knöpfe und verbrachte Stunden damit sie in den Fingern hin und her gleiten zu lassen. Sie hatte auch einige Zaubertricks drauf und holte noch Knöpfe aus meinem Ohr, als ich schon weit über zwanzig war. Ich tat überrascht und sie freute sich. Irgendwann machten die Hände nicht mehr mit. Von da an übernahm Berti das Knöpfe-spielen. Er schob sie mit dem Kopf über den Teppichboden und Oma tat überrascht, wenn sie einen zu ihren Füßen fand, während sie fern sah, und das musste an Zauberei genügen.

Meine Oma ist gestorben. Berti lebt nun bei mir. Auf dem Dachboden. Ich war bei einem Antiquitätenhändler – eigentlich um ein paar Dinge zu verkaufen. Ich habe die Schachtel mit den Knöpfen und das alte Radio behalten. Die anderen Möbel, ihre Kleider, viele Bücher, Geschirr und Dinge, die sie selbst nie haben wollte, habe ich weg gegeben oder verkauft. In diesem winzigen, vollgestopften Laden fand ich in einer Kiste mit Knöpfen einen sehr großen – Der Verkäufer versicherte mir, dass es kein Schildplatt sei, sondern Plastik. Er ist leuchtend weiß, mit einem grünen Farbklecks in der Mitte. Der Knopf stammt von einem Clownskostüm und ist im Durchmesser größer als Berti. Ich habe ihm den Knopf geschenkt. Er liegt da drauf, wenn wir gemeinsam Radio hören. Als Erinnerung muss das reichen.

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