Im Aufzug (Schreibübung)

Wie angekündigt, mehr Texte aus dem Schreibtreff. „Im Aufzug“ lautete das Thema, und das habe ich draus gemacht;

Richard vermied es Aufzug zu fahren. Wenn er nicht gerade in den 26. Stock eines Gebäudes musste, nahm er die Treppe. Heute musste er Aufzug fahren, es gab keine Treppe. Jedenfalls keine öffentliche, für Touristen. Die Werbung pries an, dass der Aufzug sie in 30 Sekunden in schwindelnde Höhen befördern würde, und da Marie ihn um dieses Date gebeten hatte, bestimmte auch sie wo es hingehen sollte: Romantisches Essen auf dem Fernsehturm, in einem Restaurant, das sich einmal um sich selbst drehte pro Stunde. Ihm war jetzt schon schlecht. Kneifen ging nicht. Er mochte sie, und würde, als Feigling, nie zu einem zweiten Date kommen.

Die Türen schlossen sich. Die matt-versilberten Wände und Türen wirkten auf Richard wie ein Spiegelkabinett-Gefängnis. Sein Vater hatte ihn als Kind auf einen Jahrmarkt mitgenommen und ihn durch das Spiegellabyrinth geschleift.

„Guck mal hier – und hier – und dort!“, hatte sein Vater gerufen und ihre verzerrten Spiegelbilder bewundert. Sie waren groß und klein, dick und dünn, alles urkomisch.

Im selben Jahr war sein Vater verschwunden.

Richard stand im Aufzug, neben ihm plapperte Marie etwas von der tollen Aussicht, ganz oben, und Richard hörte die Kettenkarussell-Melodie dudeln, roch verbranntes Popcorn und Zuckerwatte. Er fühlte die schweißnasse Hand des Vaters in seiner, dabei steckten seine Hände im hier und jetzt in seinen Hosentaschen. Sein Rücken war verspannt, als würde er einen Schlag in den Nacken erwarten. Die Augen hatte er fest geschlossen.

Marie berührte seinen Arm. „Alles ok?“, fragte sie leise. Sie hatte aufgehört zu plappern.

„Jaja“, presste er hervor. Da hielt der Aufzug, ruckelte sie beide durch, einem Erdbeben nicht unähnlich. Richard hatte mal eins erlebt, im Süden, im Urlaub.

Die Türen blieben geschlossen. Er öffnete seine Augen, starrte sich selbst ins Gesicht, und griff mit der linken Hand nach Marie, fest, als befürchtete er, sie würde sich augenblicklich in Luft auflösen.

„Du magst keine Aufzüge“, stellte sie nüchtern fest. Sie drückte den Tür-öffnen-Knopf.

Nichts passierte. Sie drückte auf die Klingel, gleich daneben.

„Weißt du, das ist völlig unnötig sich hier Sorgen zu machen.“ Sie fand ihn süß, wie er da so angstvoll stand. So fühlen sich wohl Männer, wenn ein vermeintlich hilfloses Ding ihren Beschützerinstinkt weckt. Interessant, dachte sie und drückte die Klingel erneut.

„Aufzüge können gar nicht abstürzen, falls dir das Sorgen macht.“

Machte es nicht. Sein Alptraum bestand aus Spiegeln und Irrwegen und nie-mehr-heraus-finden. Verloren gehen. Dennoch nickte er. „M-hm.“

„Wir warten einfach, bis uns jemand findet“, sagte sie. Richard brach der Schweiß aus, er schloss die Augen und hielt die Luft an. Ich geh´ hier drin verloren, dachte er, verhungere, verdurste, sterbe, ungesehen. Wir stinken vor uns hin. Touristen und Angestellte benutzen die inoffizielle Treppe und sie beide hier drinnen werden vergessen. Die anderen Menschen vergessen, dass der Aufzug überhaupt existiert; dieses Paralleluniversum, aus dem sie nicht mehr entkommen können.

Marie drückte die Klingel, unaufgeregt und routiniert. Sie machte sich überhaupt keine Sorgen, so als wäre ihr das schon tausend mal passiert.

„Moment“, knisterte eine Männerstimme aus der Gegensprechanlage, „die Tür klemmt. Wir holen Sie da gleich heraus.“

Marie grinste. Siehste!, sagte ihr Blick.

Richard sah es nicht. Sein Gesicht war eine schmerzverzerrte Grimasse. Marie stellte sich direkt vor ihn, ohne seine Hand los zu lassen, ihre Gesichter waren nah beieinander. Wäre das ein romantischer Augenblick, sie würden den typischen Nasentanz vor dem ersten Kuss aufführen. Es war nicht romantisch.

„Du magst Aufzüge wirklich nicht.“

Richard schüttelte fast unmerklich den Kopf.

„Sie mich an“, flüsterte sie. Er öffnete die Augen, und statt sich selbst sah er ihr Gesicht, wie eine Rettungsboje auf offenem Meer.

„Alles ok“, sagte sie. Keine Frage, eine Feststellung.

„Ok“, sagte er. Der Aufzug ruckelte, einem Erdbeben nicht unähnlich, und die Türen öffneten sich wie die Tore einer Schleuse. Sie hatten den Höhenunterschied gemeistert.

„Alles klar – Guten Appetit“, wünschte die knisternde Männerstimme.

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