Denken ist anstrengend

Caro und wie sie die Welt sieht

Ich habe mir letzte Woche drei Filme angesehen, die für mich erst am Schluss einen erschreckenden aber interessanten Zusammenhang ergaben.

Im TV lief die Dokumentation über Edward Snowden; „Citizenfour“. [Link Imdb] Ich will gar nicht so sehr darauf eingehen, ob sich Edward Snowden in der Rolle gefällt, in die er sich hinein katapultiert hat. Er hat es getan, und das war mutig. Ich wundere mich, dass der Mann noch lebt. Vielleicht habe ich zu viele Spielfilme gesehen, vielleicht hat Edward Snowden mit seiner Inszenierung auch alles richtig gemacht. Aber viel wichtiger sind die Informationen, die er nach und nach preis gegeben hat. Ich war erschüttert und wundere mich, dass der #Aufschrei in Deutschland nicht größer war. Ich muss mich dazu zählen, schließlich habe ich den Film erst jetzt gesehen, und bin nicht mal sicher, ob ich das ganze Ausmaß begreife.

Bei Facebook sah ich kurz drauf einen Beitrag mit der Band „Eagles of Death Metal“. [Link YouTube] Die Männer kämpften mit ihren Emotionen, Tränen und Worten, ich weiß nicht genau warum es mich so berührt, dass sie emotional und ergriffen ihre Erlebnisse schilderten. Wie sie sich berührten, beim reden, und versuchten sich gegenseitig Trost zu spenden. Vielleicht berührt es mich so, weil diese Attentate näher an mich heran kommen.

Erst dachte ich, hoffentlich kommen sie darüber hinweg, hoffentlich finden sie einen Weg weiter zu leben. So wie die vielen Opfer von Gewalt, rund um den Globus, nicht nur in Paris. Und dann dachte ich: Vielleicht sollten sie nicht damit fertig werden. Vielleicht sollten sie diesen Schmerz gut sichtbar mit sich herum tragen, jeden Tag und ihre Umwelt daran erinnern: Mir ist was schreckliches passiert, sei nicht gleichgültig! 

Denn, seien wir ehrlich, die Attentate, und jedes andere Gewaltverbrechen, dass nicht uns selbst passiert ist, ist doch schon wieder vergessen. Mir geht es so. Ich schalte die Glotze aus, mache mir Abendbrot, plane meinen Abend, telefoniere, überlege, welches Buch ich als nächstes lese, ob ich noch geschwind das Bett frisch beziehe, bevor ich aus dem Haus gehe, heute.

Alltag. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Meiner Oma ist etwas schreckliches widerfahren. Bis zu ihrem Tod war das zu sehen. Jedes Mal, wenn ich sie ansah, sah ich was ihr angetan wurde. Vielleicht braucht es das. Diese Art Erinnerung. Ich werde darüber nachdenken müssen.

Zum Schluss schaute ich noch die Dokumentation „Lottery of Birth“ [Link Imdb] und mir schwirrte der Kopf. So viele Eindrücke, Gedanken, Informationen. Für mich hängen diese drei Filme – inhaltlich – sehr eng zusammen. Vor allem durch den letzten Beitrag, in dem es darum ging, wer wir sind und wie wir geprägt werden. Wie wir zu dem werden, was wir sind. Als Mensch, als Gesellschaft. Edward Snowden nannte neun Firmen, die mit der NSA zusammen arbeiten. Ich bin „Kunde“ bei fünf davon, schon seit Jahren. Es geht um Profit, nicht um Moral. Soziale Verantwortung? Nicht im Kapitalismus. Aber auch das ist von mir wieder furchtbar kurz und naiv gedacht. Weiß der Geier, wo meine Daten gelandet sind, in den letzten Jahren, und was irgendwer damit anfängt. Ich google merkwürdige Dinge, ich bin Schriftstellerin. Ob ein Algorithmus das berücksichtigt? Jedenfalls, meine Entwicklung als Mensch ist dokumentiert. Irgendwo. Ohne mein Wissen, ohne meine Erlaubnis, ohne meinen Einfluss was mit dieser Dokumentation passiert.

Die Schule bereitet uns vor: Langeweile auszuhalten, zu gehorchen, zu tun, was man uns sagt. Wenn man dann ins Berufsleben einsteigt, hat man die Ideologie verinnerlicht, man funktioniert. Zu behaupten, man sei „unpolitisch“, ist naiv. Das weiß ich jetzt. Ich habe mich immer als unpolitisch begriffen. Nun, da ich annehme, schon seit Jahren überwacht worden zu sein, vermutlich sogar in Echtzeit, muss ich zu dem Schluss kommen, dass ich viel bin, aber nicht frei. Das erschüttert mich. Und doch gebe ich weiter fröhlich mein Sein bei Facebook, Google und bloggend preis. In hilflosem Aktionismus habe ich die Kamera an meinem Computer abgeklebt und muss selber lachen über diesen „rebellischen Akt“. Ist doch nicht zu fassen!

Ich erinnere mich an meine Schulzeit, daran, dass ich alles ausgesessen habe, und so handle ich immer noch. Es passiert unheimlich viel um mich herum, Flüchtlinge, Terror, Finanzkrise, Griechenland und co. Ich kenne nur dieses eine Leben und das war bisher sehr gut zu mir. Ich kann mir nicht vorstellen anders zu leben, und von irgendwoher kommt der Anspruch: Das muss für meine Lebensdauer so bleiben. Wie kann ich von anderen verlangen, dass sie in ihrem Elend bleiben, für immer und bis zum Schluss bleiben?

Das größte Gut, das wir haben: Fragen stellen. Dinge infrage stellen. Wenn man meint, die Antwort zu kennen, fragt man nicht. Diese Worte aus der Doku hallen noch in mir nach. Ich habe dennoch Hoffnung. Keine Ahnung, warum. Zum Schluss zitiere ich Susan Sontag: Statt guter Vorsätze fürs neue Jahr wünsche ich mir Mut.

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