Nirgendland

Letzte Woche sah ich im Fernsehen die Dokumentation „Nirgendland“. [Link Webseite] Ich habe mir meine Gedanken dazu gemacht.

Ein Mann vergewaltigt ein Mädchen. Erwachsenen geworden zeigt sie ihn an. Ein Richter spricht den Mann frei. Er ist ohne Schuld. In der Begründung heisst es, das Kind habe sich nicht (genug) gewehrt. Und die Aussagen seien wenig detailreich gewesen.

Und ich frage mich wütend: Brauchen Opfer einen Rhetorik-Kurs um ihr Leid gericht-gerecht äussern zu können? Das impliziert, dass es für jedes Leid die passenden Worte gibt. Ich glaube nicht daran. Manches ist unaussprechlich. Ich hasse es, wenn bei derartigen Verbrechen Opfer und Täter auf einer Waage stehen. Das Bild wird immer vermittelt. Wenn das Opfer schweigt, legt es die Schuld auf die eigene Waagschale und mindert den Anteil des Täters. Wenn das Opfer sprachlos ist, ist es selbst schuld. Wenn es sich nicht wehrt, ist es selbst schuld. Justizia, blind mit ihren Waagschalen mag ein schönes Sinnbild sein für die Justiz, für die Urteilsfindung.

Wenn zwei Aussagen gleich viel wiegen  „schuld vs. nicht-schuld“, warum verlieren dann diejenigen die ihre Aussage unter größter Mühe hervor bringen?

Es ist leicht zu sagen: „Ich war’s nicht.“

Es ist schwer zu sagen: „Er hat mir weh getan.“

Ich verstehe nicht wie sexueller Missbrauch in der Gesetzgebung überhaupt verjähren kann. Ich verstehe nicht wie irgendein Richter annehmen kann, ein Kind könnte sich gegen die Eltern wehren. Ein Kind ist klein, schutzbedürftig, sprachlos. In diesem Fall reden wir von einer Fünfjährigen.

Sich wehren bedeutet: „Ich verstehe, hier läuft was falsch.“

Sprechen bedeutet: „Ich kann meine Bedürfnisse artikulieren.“

Jedes Kind bedarf der Obhut und Fürsorge der Eltern. Jedes Kind muss mal zum Arzt. Nehmen wir ein schwer krankes Kind. Es wird ausgezogen, untersucht, die Behandlung ist schmerzhaft. Es weint, wehrt sich, versteht nicht, was passiert. Und die Erwachsenen, Eltern, Ärzte, Lehrer sagen: „Wir wissen was gut für dich ist. Wir bestimmen deine Behandlung.“

Ein missbrauchtes Kind ist meiner Meinung nach wie eines, das dauernd zum Arzt muss.

Ist doch nichts passiert, ist gleich wieder gut, hier hast du ein Bonbon. Jetzt reden wir nicht mehr davon.

Kehren wir zurück zur Waagschale. Sie sind leer, Justizia ist blind. Doch das Spiel, das hier läuft ist unfair. Täter und Opfer sind nicht gleich schwer, nicht gleich stark oder gleich wortgewaltig. In meinen Augen sitzen sie in einem Boot. Und einer von Beiden kann nicht schwimmen. Um vom anderen weg zu kommen, muss das Kind ins Wasser springen und hoffen. Aber wie gesagt. Justizia ist blind.

Das Mädchen in dem Film musste 12 werden um ihr Nein artikulieren zu können. Der Missbrauch hörte auf. Das sind sieben Jahre. Sieben Jahre Scham, Schuld und Angst. Und dann kommt ein Richter und sagt: „Das hättest du früher haben können“ und spricht den Mann frei. Ohne Schuld.

Ich glaube es ist naiv anzunehmen, das Missbrauch wie dieser mit Gebrüll und Fäusten statt findet. Es ist viel perfider.

Wenn du mich lieb hast, machst du das für mich.

Der Text einer Mutter nach einem Arztbesuch ist der selbe wie der eines Täters nach dem Missbrauch. „Tut gleich nicht mehr weh, hör auf zu weinen, ist doch nichts passiert.“

Das Kind, dass sich hier entziehen kann, erfolgreich wehren kann, das zeige man mir bitte. Das muss ja Superkräfte haben. Im Nirgendland.

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Ein Kommentar

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