Früchte des Zorns

Früchte des Zorns

„Früchte des Zorns“ ist der vierte Roman, den ich von John Steinbeck lese. Der Mann hat sich klammheimlich in die Liste meiner Lieblingsautoren geschlichen und er wirft noch mal ein ganz neues Licht auf meinen Stapel ungelesener Bücher. Im Januar habe ich für mich die Lese-Challenge 2016 ausgerufen, weil ich endlich meinem SUB beikommen wollte. Das klappt nicht wirklich, weil mehr Bücher dazu kommen, als ich weg lese – ich bin eine langsame Leserin. Das ist aber kein Problem, und darum soll es heute auch nicht gehen. Ich habe früher schon Bücher von Steinbeck gelesen (Tortilla Flat, Von Mäusen und Menschen, Jenseits von Eden) und habe damals schon gedacht:

Was für ein großartiger Schriftsteller.

Es ist eine Schande, dass „Früchte des Zorns“ jahrelang auf meinem SUB lag, unbeachtet. Und jetzt frage ich mich, was für Schätze dort noch ruhen.

 

Wie wird es sein, wenn man nicht weiß, was für ein Land da ist vor der Tür? Wie wird es sein, wenn man nachts aufwacht und weiß – weiß, daß der Weidenbaum nicht mehr da ist? Kann man denn leben ohne den Weidenbaum?

 

Zum Inhalt:

Tom Joad wird aus dem Gefängnis entlassen und kommt gerade noch rechtzeitig nach Hause. Seine Familie hat alle Habseligkeiten verkauft und will mit einem umgebauten LKW nach Kalifornien fahren – dort werden Arbeiter gebraucht. Pflücker für Orangen, Pfirsiche und Baumwolle. Ihre Farm müssen sie aufgeben, die anhaltende Dürre macht jede Ernte zunichte, große Firmen kaufen die Farmen auf, Traktoren ersetzen die Arbeit der Menschen. Die Familie Joad steht vor dem Nichts und macht sich mit großen Hoffnungen auf nach Kalifornien. Der ehemalige Prediger Casy schließt sich der Familie an. Es sieht Anfangs so aus, als wäre Tom Joad die Hauptfigur, bald wird aber klar, es ist seine Mutter – sie und alle Frauen dieser Zeit.

 

Alles, was gekommen ist, haben sie mit trockenen Augen hingenommen.

 

John Steinbeck erzählt die Geschichte dieser Flüchtlingsfamilie, stellvertretend für hunderttausende, die hungrig ihre Farmen aufgeben und ihr Glück woanders suchen. So wechseln auch die Kapitel ab, zwischen die Ereignissen, denen die Joads ausgesetzt sind,  und der Stimmung, die das ganze Land befällt. Er schafft es geschickt, ein großes Ganzes mit dem Einzelschicksal zu verbinden. Ein Beispiel: In einem Kapitel, das eigentlich nichts mit den Joads zu tun hat, will ein Mann Brot kaufen, für seine Frau und seine Söhne. Er geht in ein Diner, fragt nach Brot für 10 Cent. Das Brot kostet aber 15 Cent, das kann sich der Mann nicht leisten. Derweil stehen seine Buben vor einer Vitrine mit Zuckerzeug. Der Koch, der die Diskussion der Kellnerin und des Farmers mitanhört, herrscht sie an, sie solle das Brot für 10 Cent hergeben. Die Leute sind hungrig, in Gottes Namen, sie haben nicht mehr. Zwei LKW-Fahrer sehen das alles mit an. Die Kinder trauen sich nicht nach dem Zuckerzeug zu fragen, sie waren schon lange nicht mehr richtig satt und wissen, dafür fehlt das Geld. Der Mann stellt fest, dass er noch einen Penny übrig hat und fragt, was eine Zuckerstange kostet.

Die Kellnerin lügt: „Zwei Zuckerstangen für einen Penny.“ Die Buben bekommen also doch etwas Süßes, die Familie geht von dannen. Heute war ein guter Tag.

 

Es hat mal einer gesagt, man ist gerade so frei, wieviel man Geld hat, um dafür zu bezahlen.

 

Die LKW-Fahrer, die alles mitangesehen haben, bezahlen ihren Kaffee und geben Trinkgeld, wie sich das gehört. Am Schluss stellt die Kellnerin fest, das Trinkgeld reicht für das Brot und die Zuckerstangen. Das alles ist nicht rührselig, nicht kitschig, aber so beklemmend, dass ich geheult hab und das Buch beiseitelegen musste. Und sowas passiert mir selten. Ich habe mir dann die Mühe gemacht, mal zu schauen, wann das Buch entstanden/veröffentlicht wurde. 1938/1939. Und jetzt finde ich es noch krasser, weil das Buch bzw. diese Geschichte über siebzig Jahre später weder inhaltlich noch sprachlich an Brisanz verloren hat. Im Gegenteil. Wenn ich heute das Haus verlasse, dann höre ich all die Sätze, die in dem Buch vorkommen: Das sind keine Menschen. Wie soll das noch werden? Die nehmen uns die Arbeit weg. Wo kommen die alle her? Und wo wollen sie hin?

Die Aussage des Buches ist schlicht: „Alles, was lebt, ist heilig.“ Und wenn man das dann gelesen hat, liegt eine krasse, realitätsnahe, schmerzhafte Familiengeschichte vor einem. Die Mutter hält alles zusammen, sie ist der Kern der Geschichte, der Familie und dieser Prämisse. Zwischen all dem, liegt Hoffnung, liegt Optimismus. Aber man muss wirklich genau hinsehen um das zu bemerken.

 

Pferde sind, scheint´s, verdammt viel mehr wert wie Menschen.

 

Die letzten drei Wochen – und so lange habe ich gebraucht um diesen Wälzer zu lesen – hat mich diese Geschichte geplagt und begeistert. Es war schlimm und traurig und gleichzeitig großartig. Und so manövrierte sich „Früchte des Zorns“ auf Platz 1 meiner Buch-Perlen in diesem Jahr.

Ich will es eigentlich gar nicht extra sagen, aber ich tu´ es trotzdem. Geh los, und lies dieses Buch.

 

 

  • Früchte des Zorns
  • John Steinbeck
  • Erhältlich als Tschenbuch bei dtv.
  • (Meine Ausgabe ist von 1963, Bertelsmann Lesering, Gebunden)
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