In der Umkleidekabine

Aus dem Notizbuch; Sudelbeitrag

Aus dem Notizbuch; Sudelbeitrag

 

„Ich hab Knubbelknie“, sagte das Mädchen.

„Was sind den Knubbelknie? Wieso hast du dauernd einen Kummer mit deinem Körper?“, fragte der Vater genervt. Er stand vor der Kabine, ein weißer Vorhang trennte die beiden, dazu noch mindestens zwei Universen. Er hielt vier verschiedene Jeans in der Hand, die alle gleich aussahen. Er tat mir leid.

Das Mädchen reichte eine Jeans heraus und grabbelte nach der nächsten ohne die Kabine zu verlassen.

„Guck weg“, schnaubte sie. Der Vater studiert die Deckenlamellen.

„Dieses Skinny ist grade in?“, fragte er müde. Ich blieb in meiner Kabine ohne mich zu rühren. Ich wollte hören, wie das Drama weiter ging.

„Ja, aber nur wenn man auch skinny ist!“

Ich kenne ihr Problem. Ich habe auch Knubbelknie. Viel schlimmer war aber, dass ich die Jeans, die ich mir ausgesucht hatte, gerade mal bis über besagte Knie bekam. An meine Hüfte war gar nicht zu denken. Das Mädel und mich trennen ca. 20 Jahre, man glaubt es kaum. Und mindestens zwei Universen. Trotz der gemeinsamen Knubbelknie.

Die Mutter des Mädchens hatte vor einer halben Stunde aufgegeben und gebrüllt: „Dieses Kind treibt mich in den Wahnsinn, DU gehst jetzt mit ihr einkaufen!“ Da waren wir. Wir drei Helden. Getrennt durch Spanholz, weiße Vorhänge und gegeißelt von der selben Modeindustrie.

„Aber du bist doch dünn“, sagte er schwach. „Himmel“, fügte er an und raufte sich die Haare.

„Erklär´s mir“, flüsterte er.

„Wenn man so enge Hosen anhat, sieht man aus wie eine Pellwurst. Und dann schlägt die Hose falten am Knie…“ Ihre Stimme bekam etwas verzweifeltes. Er und ich hörten, dass sie den Tränen nahe war. „Ich bin ein fetter Regenwurm“, flüsterte sie.

„Dann zieh eine weite Hose an“, sagte er. Männer! Die haben ja immer, schnell und einfach eine Lösung parat.

„Die sind aber nicht IN.“ Ich hörte Wut und Trotz und Melancholie. Alles in einem Satz.

„Himmel“, schnaufte er.

Ich klopfte ganz sachte an die Kabinenwand. Neben mir war es still. Vor der Kabine auch.

„Wenn du auf diesen Modefurz scheißt, mach ich es auch“.

„Und dann?“ fragte sie leise.

Ja, was dann?

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