Wörtchenbude!

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Wir Autoren der get shorties Lesebühne waren wieder in Ludwigsburg. Die Stadtbibliothek lud zum Tag der offenen Tür und zum „9. Ludwigsburger Literaturfest“ ein. Wir veranstalteten (wie schon letztes Jahr) die „Wörtchenbude“. Wir haben echt geschuftet und viele Texte an den Mann gebracht. An die Frau auch. Und an ein paar Kinder. Es wurden Liebesgedichte gewünscht, ein Märchen mit Zentauren, ein Text zum Thema „Let´s have a party“. Aber auch die Limericks waren sehr gefragt, Jörg und Jole schrieben sogar einige Haikus. Um Aliens sollte es gehen, oder um das Thema Schuld. Es war also ziemlich viel dabei. Wir hatten echt Spaß.

Eine Frau fragte „Was soll das? Die Schreibmaschinen, dieses Retro. Wozu?“

Ich sagte „Weil es Spaß macht.“ Das reichte ihr als Antwort nicht. Ich musste mir also etwas mehr mühe geben. Ich arbeite nun schon über dreizehn Jahre an eigenen Texten. Davor redete ich gern darüber Schriftstellerin zu sein, aber wirklich angefangen habe ich erst 2003. Damals noch mit Papier und Stift, obwohl ich im Jahr 2000 meinen ersten Computer bekommen habe. Muss man sich mal vorstellen… während meiner Schulzeit hatte ich kein Handy, keinen PC, ich habe meine Hausaufgaben, Hausarbeiten und meine Arbeit für die Theater-AG mit einem College-Block und einem Lamy-Füller gemacht. Für mich hat das was sehr ursprüngliches, noch heute habe ich den Eindruck, näher am Wort zu sein, wenn ich von Hand schreibe. Natürlich ist es bequem am PC zu arbeiten, ich habe auch ein Tablet, unterwegs tippe ich Ideen und Entwürfe ins Handy. Oft kommen mir Nachts die besten Ideen, da mache ich kein Licht an, ich setzte mich nicht hin, schreibe ordentlich, was mir so im Kopf herumschwirrt. Nein, ich tippe wild auf dem Smartphone herum, gerne mal tausend Wörter. Und dann schlafe ich selig. Das ist alles praktisch, gut, hat sich bewährt. Trotzdem. Ich fühle mich als „Wortwerkerin“, mit einem Stift, einem Notizblock, einem Wörterbuch. Dann bin ich ganz bei mir, dann kommt mir der Satz „Ich bin Schriftstellerin“ leicht über die Lippen. Eine Schreibmaschine hat für mich einen ähnlichen Effekt. In der 8. Klasse habe ich die Schreibmaschinen-AG in der Schule besucht. Ein Jahr lang. Das 10-Finger-System kann ich heute noch nicht – Herr B. konnte es mir nicht beibringen. Was an mir und meiner Legasthenie liegt, nicht an seinen Lehrmethoden. Er hat versucht uns Rhythmus beizubringen. Er gab uns jede Woche neue Aufgabenblätter, die Welt der Wörter wurde von Woche zu Woche großer. Erst vier Buchstaben, dann sechs, dann acht und so weiter. Er stellte ein Metronom auf und im Takt tippten wir Stunde um Stunde, Zeile um Zeile. Das hatte etwas meditatives, unheimlich schön. Wie gesagt, ich habe das 10-Finger-System nicht gelernt, aber ich mochte die Nachmittage im Klassenzimmer, das Metronom, den Rhythmus, unsere Buchstaben-Zeilen, die alle gleich aussahen – vorausgesetzt man schrieb fehlerfrei. Fehler stachen in der Gleichmässigkeit hervor, wie ein knallrotes Schaf in einer Herde.

Bis wieder zwei Buchstaben mehr dazu kamen. Und noch zwei.

Als wir das erste Mal die Wörtchenbude zum Leben erweckten, dachte ich: Schreibmaschine? Kein Problem. Kann ich. Ich habe so ein altes Ding vom Flohmarkt. Ich bekomme nur noch bei Ebay Farbbänder dafür. Das Ding ist alt, und schwerfällig. Man muss die tasten richtig nach unten drücken, nix mit Gefühl. Brachial! Ich habe damals also meine Entwürfe mit Füller auf Papier geschrieben und wollte dann einen Reinschrieb an der Schreibmaschine tippen – dieses Werk auf hübschem Papier sollte der Kunde kriegen, der den Text beauftragt hat. Ich haute aber erst mal jede Menge Fehler rein, vertippte mich – und wir haben kein Tipp-Ex, kein Durchschlagpapier. Hier wird nicht mit Copy & Paste gearbeitet. Wir könnten ja auch einen Laptop hinstellen, und einen kleinen Drucker, wär ja kein Problem. WLAN gäbe es ja auch. Texte per Email?

Nein, wir schreiben mit Schreibmaschine. Im Leben muss man auch weiter machen, wenn man einen Fehler gemacht hat. Erst habe ich mich geärgert, über die Schreibmaschine, dann über mich, dann über die Situation. Am Schluss habe ich meinen Text übergeben, so wie er war. Meine Gedanken, mein Text, meine Fehler. Alles, so wie es aus mir raus kam. Und dann stellte sich eine Zufriedenheit ein. Dem Mann, der den Text abholte, gefiel es, er lächelte. Und ich auch. Das alles hatte was ursprüngliches, etwas intimes. So wie Briefe schreiben. An einen Fremden.  Nur, dass er ja bekommen hatte, was er bestellt hatte. Es war also gar nicht fremd.

So war das. Beim nächsten Mal ging es schon leichter. Das Tippen. Das Denken beim tippen. Nach der vierten Wörtchenbude möchte ich das Wort „Routine“ noch nicht verwenden. Aber dem Kopf gefällt es. Den Fingern auch. Und bis jetzt hat sich noch kein Wörtchenbuden-Kunde beschwert.

Mal ehrlich, wie viele Briefe kriegst du denn noch, hm?

~Caro

 

 

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© Fotos: Carolin Hafen

 

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