London – Emirate Air Line

Tag 2

Die Seiten meines Notizbuches, und auch meines Sudelblogs bleiben leer in diesen Tagen, die Grippe hat mich im Griff. Der Rotz im Kopf verhindert (dämpft) meine Gedanken, die Augen tun mir weh, ein müder Schatten liegt auf mir. Aber mehr noch, als die Viren, hat mich eine Verletztheit im Griff, die ich kaum aushalte. Innen und aussen, aufgerieben an der Welt. Ich schwitze nicht, das ist Wundwasser. Der Kopf sagt „Los, weiter!“ und der Körper sagt „Nö, so nicht“ und manchmal weiß der Körper mehr als der Kopf. Ich füge mich dem und betäube mich seit Tagen mit „Prison Break“ um nicht darüber nachdenken zu müssen. Jedenfalls. Nun versuche ich es aber doch, mich zurück zu denken, nach London und ein paar Eindrücke in Worte zu fassen, bevor wieder alles verblasst ist und irgendwann nur noch eine „Es war schön in London“- Antwort ergibt.

Eine Seilbahn ist so viel mehr, als nur eine Gondel, die einen über die Dinge hinweg trägt, von A nach B. Wegen mir hätte die Fahrt in der Mitte eine Pause haben dürfen, um mir einige Minuten der Aussicht zu gewähren – mitten drin, über der Themse. Mit dem Glas um mich herum macht mir die Höhe nichts aus und mir gefällt, was ich sehe. Auch wenn das Themse-Wasser braun dahinfließt (was habe ich anderes erwartet? Türkisblaue Sauberkeit?) und mich irritiert. Der Himmel über mir ist weit, meine Mitfahrer bunt kostümiert für die ComicCon – ich bin diejenige, die in langweiligen Jeans herum läuft und wie ein blöder Tourist aussieht. Auch ein Kostüm, aber keines, das ich gerne trage.

Morgens waren wir noch unterwegs zur Westminster Abbey. Aber kaum, dass ich aus der U-Bahn-Station auf die Straße trat, war mir schon alles zu viel. Zu laut, zu viele Menschen, zu viele Gerüche, zu viele Fremde, die mich anbuffen, beim vorbeigehen. Ich konnte nicht erkennen, wo die Warteschlange zum Eingang der Abbey begann, ich war auch nicht bereit, es heraus zu finden. A. suchte sich (mit Mühe) ein Plätzchen um in Ruhe zu rauchen. Wir sahen uns beide das Spektakel an: Die Autos und Busse, die sich mühselig die Straße entlang mühten, mehr stehend als fahrend. Die Menschen, denen die Fußgängerampel nichts bedeutet, eine irrsinnige Masse.

A. sagte trocken: „Bei aller Liebe, aber in der Hitze stelle ich mich da nicht an!“ Sie nickte zu der wartenden Menge, auf dem Gehweg. Auf der Straße, wütende, hupende Autos. Und Kinderwagen, die in käsige Waden bissen. Ich nickte in eine andere Richtung. „Ich glaube dort geht die Schlange los.“ A. drückte ihre Zigarette aus. „Du hast doch eine Liste. Was steht da noch drauf?“

„Emirate Air Line.“

Wir stiegen wieder in die Bahn. Sie spuckte uns in North Greenwich wieder aus. Weniger Menschen, weniger Lärm. Linker Hand der „Millennium Dome“  und Menschen, die selbigen erklommen. Die kletterten wirklich da oben rum, als Touristenattraktion! Ich schüttelte nur den Kopf. Rechts der Eingang zur „Emirate Air Line“ – der Seilbahn über die Themse. 4,50 Pfund kostet die Party, und dauert nicht lang. Wirklich nicht. Aber das macht nichts. Ich hätte ja mehrfach fahren können. In der Warteschlange standen sie dann alle; Die Manga- und Marvel-Fans. Die Nerds, die Eltern mit Mini-Sturmtrupplern, und junge Mädchen in sehr kurzen Röcken, blau gefärbten Haaren, die schlimm an Individualität leiden. Das verwächst sich irgendwann, dachte ich abgeklärt. Grüppchenweise wurden wir in die Gondeln verteilt, ich lachte mich scheckig. Die Dame die an dem Tag für den reibungslosen Ablauf zuständig war, bemühte sich nach Kräften, nichts zusammen zu führen, was nicht zusammen gehört. Die Star Wars Typen bekamen eine andere Gondel als die Manga-Mädchen. A. und ich landeten bei einem nicht kostümierten Pärchen.

Und so fuhren wir über die Themse, ich mit meiner Kamera, das Pärchen verbrachte die Zeit knutschend. Jeder hat seine Prioritäten.

 

Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Die ComicCon-Menschen strömten davon, in alle Richtungen. Ich dachte, sie müssten ja gleichen Weg haben. Hatten sie aber nicht. Manche brauchten erst Mal ein Eis, andere gingen, kostümiert wie sie waren, ins nächstgelegene Restaurant, zum Brunch, nehme ich an, oder sie setzten sich ans Ufer, auf ein kleines Mäuerchen um sich zu sonnen, so wie ich auch. Da saß ich dann, mit Spiderman und Darth Vader, mit Robin Hood (glaube ich zumindest) und einer Dame in rotem Leder, deren Kostüm ich nicht kannte bzw. ich wusste nicht, welche Figur sie darstellte. Ich dachte kurz, mit einem Lächeln, hoffentlich ist sie als sie selbst hier. Sie sah gut aus. Selbstzufrieden, selbstbewusst. Ich hoffe, ich habe auch so gewirkt, dort in der Sonne direkt an der Themse.

http://www.emiratesairline.co.uk

 

 

 

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