Autorenwahnsinn – Sommer Edition – Tag 12

Tag 12: Abkühlung gefällig? Wie wäre es mit einem erfrischenden Zitat?
Vielleicht aus einer Dusch- oder Badeszene? Aus einer Schwimmszene oder einer Stelle in deinem Manuskript, an der deine Protagonisten ein kühles Bier genießen?

 

Wie wär´s mit einer Sommer-Kurzgeschichte?

 

Armer Richard

Werd´ endlich erwachsen

Ich bin ein schlechter Mensch, ich habe meinen Freund Richard zu einem gemeinsamen Urlaub gezwungen. Das mit dem Urlaub wäre eigentlich gar nicht so wild gewesen. Wenn unsere Ferienwohnung einen Fernseher gehabt hätte. Also einen Fernseher, der die Bezeichnung Fernseher auch verdient. Leider, oder, eben weil ich ein schlechter und egoistischer Mensch bin, habe ich den Urlaub geplant ohne mich nach dem TV Gerät zu erkundigen. Er kommentierte das vor Ort mit „Ich armer Richard“.

Bevor ich mit der Planung los legte, bekam ich von ihm eine Exel-Tabelle per Email, mit einigen Auflagen, an die ich mich zu halten hätte.

Urlaub,

nicht während der Fussball EM oder WM

nicht während der Tour de France oder dem Ski Springen

nicht während der olympischen Spiele

auf keinen Fall während der Frauen-Volleyball-Saison

unter gar keinen Umständen während des verkaufsoffenen Sonntags oder der Rabatt-Wochen im Baumarkt.

Leute, wenn man sich daran hält, bleibt ein Mittwoch im Oktober übrig. Also landete die Tabelle im Papierkorb, und auch seine Lebensgrundlage; Bier, grillen und Fussball ignorierte ich völlig. Gebucht habe ich dann eine Ferienwohnung in Portugal, und keine Touristenhölle in der man Gefahr läuft Daniela Katzenberger ein Autogramm abnehmen zu müssen. Die Wohnung hatte einen fantastischen Ausblick, man musste nur gefühlt siebzehntausend Stufen bis zum Strand runter, ansonsten war es postkarten-kitschig-idyllisch.

Jetzt begab es sich, dass irgendwo auf der Welt Fußball gespielt wurde während wir im Urlaub waren. Irgendwas mit EM oder WM oder noch so ein paar Buchstaben aus dem Alphabet. Was weiß denn ich.

Die Ferienwohnung verfügte über einen Fernseher, ich sah also das Problem nicht, als mein armer Richard vor dem Gerät saß und eine Schnute zog. Fußball ist eine universelle Sprache, dass kann ohne Ton oder sogar mit portugiesischem Kommentator gucken, der Inhalt der Aussagen wird jetzt nicht so wahnsinnig variieren. Dachte ich.

Wie immer ging es um die Größe. Ich sag ihm seit Jahren, dass das überhaupt keine Rolle spielt, interessiert ihn aber in dem Moment nicht.

„Das Gerät ist zu klein.“

Ich sehe ihm mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis zu, wie er den Bildschirm umarmt.

In unserem Freundeskreis passiert gerade eine merkwürdige Sache. Man prüft dauernd, ob die Haut noch elastisch ist, ob die Falten unterspritzt werden müssen, ob man schon fett ist, oder nur kräftig gebaut, und die Beweglichkeit ganz allgemein ist ein großes Thema. Irgendwer klatscht dabei immer in die Hände und brüllt: Flexibel bleiben!

Ich beobachte also regelmässig Jungens über dreissig, die antesten ob sie ihre Hände auf dem Rücken noch berühren können.  Wenn man also eine Hand von oben und die andre von unten aneinander führt. Die ganze Sache hat vermutlich was mit Sex zu tun, ich kapiere das aber so wenig wie die Abseitsregeln.

Ich beobachte also zwei erstaunliche Phänomene in meinem Umfeld. Die eine Gruppe ist verheiratet und lässt sich gehen. Wenn man erst verheiratet ist, ist die Sache mit dem Sex eh vorbei, dann kann man sich auch fett fressen.

Die andere Gruppe ist Single, wäre aber gern was anderes, betreibt einen irren Körperkult um fit zu bleiben, darauf wartend, dass die andere Gruppe sich wieder scheiden lässt um dann im zweiten Anlauf durchzustarten.

Wenn man dieses zusammenführen der Hände noch kann; Halleluja.

Und dort, im Urlaub berührte mein armer Richard seine Fingerspitzen auf dem Rücken des Samsung und befand allen ernstes:

„Zu klein. Wenn man die Hände hinten noch zusammen kriegt, ist das Ding untauglich.“ (Das ist einer dieser Sätze, den eine Frau nie zu hören kriegen würde.)

Auf meine naive Frage, wann ein Fernseher groß genug sei, sagte er: „Wenn man ihn nur zu zweit tragen kann.“ Aha.

Auf meine ganze Fussball-Ignoranz reagierte er beleidigt. Ich müsse heute Abend auf seine Gesellschaft verzichten, meinte er, – was seine Art war mir mitzuteilen, dass er auf dem Sofa schlafen würde. Er hat noch nie auf dem Ding geschlafen, weil ER das entschieden hat. In unserer Beziehung hab ich die Hosen an und ich entscheide, wann er seine auszieht.

Er fand sich endlich damit ab – schweren Herzens – dass er auf diesem Winzding das Spiel schauen musste. Ich glaube ich habe noch „Alternative“ und „Radio“ gesagt; back to the roots. Er warf ein Kissen nach mir, immer noch wütend und ich lächelte siegessicher. Mal ehrlich: Haben Sie schon mal einen Vierjährigen mit Überraschungsei gesehen, der das Ding nicht anrührt? Ich nicht.

Vielleicht kennen Sie das ja, man ist im Urlaub, der Tag neigt sich dem Ende und man dünstet nicht mehr aromatisch wie eine Zwiebel im Topf sondern blubbert nur noch gemächlich vor sich hin wie ein Vanillepudding.

In meinem Fall ist aus dem Pudding eine krebsrote Reklametafel für CocaCola geworden. Richard war so lieb mir auf meinen Sonnenbrand auch den passenden Schriftzug zu malen.

Wegen mir hätte der blöde Fernseher ausbleiben können. Ich weiss, nach dem Spiel will er entweder getröstet oder als toller Hecht gefeiert werden, so als hätte er selbst mitgespielt. Da kann er beleidigt sein wie er will, der schläft doch nicht auf dem Sofa: das Überraschungsei wird ausgepackt.

Falls sie die Metapher jetzt nicht kapieren; ich werd vernascht, dann wird gespielt und wenn er pennt, gehe ich an den Kühlschrank und fresse ich die Schokolade ganz alleine.

Auf dem Weg vom Strand zur Wohnung, etwa eine Stunde vor dem Anpfiff kamen wir an einer ganzen Reihe von Ferienwohnungen vorbei, die etwa alle so aussahen wie unsere: Kleine, viereckige Behausungen, aussen weiß angepinselt, mit blauen Fensterläden, einer Terrasse zum Strand hin, und schmalen, raumhohen Fenstern. Mein armer Richard schaute unverhohlen in die Wohnungen der anderen Gäste und stellte zwei Dinge fest. Die Inneneinrichtung, sowie die Abmessungen der Räume, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Küche, glichen einander wie überraschte Kindereier. Die Fernseher nicht.

Badeanzüge und Handtücher flatterten im Wind, von den Urlaubern keine Spur. Ich vermutete sie im Schlafzimmer, aber das nur am Rande. Mein armer Richard schlich zur geöffneten Terrassentür hinein, ich schlich, soweit das mit FlipFlops möglich ist, hinterher.

„Was soll das“, flüsterte ich. Obwohl ich genau wusste was das soll.

„Du klaust jetzt nicht den Fernseher!“

„Pscht“, machte er, „wir klauen den nicht, wir leihen den aus.“

„Wir machen hier gar nichts“, quiekte ich. „Leihen, bis morgen meinst du? Und dann schleppen wir den nach dem Frühstück zurück, als wär nichts? Huch, wir haben versehentlich euren Fernseher genommen!?“

„Du hast Wir gesagt.“ Er grinste. „Und nein, nicht bis morgen. Morgen spielt Argentinien.“

„Boah, du machst mich fertig.“

„Was buchst du auch Urlaub während der WM? Ich könnt daheim im Biergarten sitzen und das ganze publik anschauen. Draussen, verstehste!“

„Komm jetzt aus der Wohnung!“ Ich hörte mich an, als wären wir schon dreissig Jahre verheiratet.

„Nein. Mach jetzt. Trag das Teil mit mir rüber und ich verzeih dir“, sagte er.

„DU VERZEIHST MIR?“ Ich verschränkte die Arme. Und schnippisch fügte ich an: „Ich will nicht!“

„Du willst. Stell dir einfach vor, ich hätte ne Lederjacke an und das wär ein Motorrad.“

Bad Boy Richard. Das musste ich mir kurz durch den Kopf gehen lassen. Ich hätte ihm nicht erzählen sollen, dass Frauen sich gern in einen Typen mit Motorrad verlieben, um anschließend einen Mann mit Kombi aus ihm zu machen. Seither verwendete er das dauernd gegen mich.

Im Schlafzimmer wurde gestöhnt. Deren Spiel befand sich kurz vor dem Abpfiff.

Weil ich beim Fernsehklau nicht erwischt werden wollte, griff ich beherzt zu, Richard grinste dreckig und packte seinerseits an und so trugen wir das gute Stück, einen Flachbildschirm so groß wie ich, hinaus, nicht über die Terrasse – wir quetschen uns durch eins der raumhohen Fenster, im Schatten, und ohne Zeugen tippelten wir den kleinen gepflasterten kitschig-postkarten-idyllischen Weg entlang an sechs Häusern vorbei in unsere Wohnung.

Damit war Richard aber nicht zufrieden. Er trug unser Gerät, das Winzding, wie er liebevoll sagte, zurück. Oben war sogar ein Griff. Offensichtlich war das Pärchen in die Verlängerung gegangen, er kam unbehelligt und durch das Fenster hinein, und ohne Fernseher wieder raus. Es flatterten immer noch Badesachen und Handtücher im Wind, irgendwo wurde gegrillt, Richard ploppte sich ein Bier auf, und als die Sonne unter ging, hörte man einen herzerweichenden, langen, verzweifelten Schrei aus Ferienwohnung Nr. 3.

Deutschland hat gewonnen. Ich übrigens auch, zwei Mal.

 

 

 

 

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