Veröffentlicht in Caro und wie sie die Welt sieht, Leben und all das.

Aufräumen mit Marie Kondo

Als ich mich hingesetzt habe, um diesen Blogbeitrag zu tippen, hatte ich eigentlich nicht vor, einen Verriss zu schreiben. Weil ich die Idee, alles raus zu werfen, was keine Freude bringt, hübsch finde bzw. mich dieser Ansatz sehr anspricht. Ich habe so viel Kram, und nichts nervt mich mehr, als irgendwas in der Wohnung liegen zu haben, dass ich nicht brauche. 

Ein Beispiel: Ich habe mir vor ewigen Zeiten mal einen Aktenschrank gekauft, weil ich gerne all meine Texte ausgedruckt, in Register-Heftern, nach Themen und Anlass gerodet haben wollte. Also Roman-Sachen, Kurzgeschichten für die Get Shorties Lesebühne, Schreibübungen, und so weiter und so fort. 

Nun ist es so, dass ich nie über die Anschaffung des Schranks und meiner Vorstellung von einem Ordnungssystem für meine Texte hinaus gekommen bin. Das Ding stand herum und ermahnte mich: Blödsinniger Konsum, nutzloses Ding (der Schrank), faule Nuss (wann machst du das endlich?) und Platzverschwendung. Der Schrank machte also eine Menge mit mir, aber er brachte mir keine Freude. Also habe ich das Teil verschenkt. Weg damit. Woanders wird es seinem Nutzen zugefügt, und ich finde noch eine Lösung für meine Text-Ordnung. Soweit so gut. 

Ich mag Ordnung. Im Kopf ist viel Chaos, also beruhigt mich die Tätigkeit des Aufräumens ungemein. Und meine Vorstellungskraft spielt da eine große Rolle. Ich habe eine schöne Wohnung, aber da ist viel Zeug drin, in den meisten Fällen benutze ich das alles auch. Dennoch hätte ich gern eine minimalistischere Lebensweise. Weiße Möbel, freie Flächen, wenig Kram, kein Nippes. Davon bin ich aber noch weit entfernt. Es gibt ja Menschen, die ihren Besitz auf 100 Sachen runter brechen und prima damit zurecht kommen. Ich will mich nicht in ein Korsett zwängen lassen, im Sinne von 100 Dinge sind ok, 101 Dinge nicht. Aber ich mag die Idee. Weniger ist mehr. Vor Jahren habe ich die ein oder andere Sammelwut überwunden. DVD´s zum Beispiel. Ich brauche keine Filmsammlung, ich gucke selten einen Film mehrfach. Ausleihen reicht vollkommen. Bücher: Dito. Jedes Elektrogerät, dass ich besitze, ausgenommen meinen Fernseher, habe ich gebraucht gekauft. Reparieren? Tolle Idee. Neu ist eben nicht immer besser.

Auch bei meinen Klamotten hat sich viel getan. Ich stehe auf Kriegsfuß mit dem Konzept Kleidung zu kaufen. Ich weiß nicht woher das kommt, aber ich kaufe seit vielen Jahren falsch ein. Meine Schuhe sind grundsätzlich eine Nummer zu groß. Hosen zu lang, T-Shirts zu weit. Ich bin einfach zu doof. Die Spitze des Elends: Entweder ich stehe in der Kinderabteilung oder bei den Herren, weil mir alles besser gefällt, als das was die Textilindustrie für Frauen zu bieten hat. Knöchelfrei rumlaufen? Skinny Jeans in denen man wie ein moppeliger Regenwurm aussieht? Nein Danke. Ich bin nicht in der Zielgruppe. Nun haben sich mehrere Frauen in meinem Umfeld der Problematik angenommen und geholfen. Wie? 

Sie haben … nein ich habe ihre Größe. (Auch wenn ich nicht in der Lage bin, diese in einem Geschäft auszuwählen & einzukaufen) und sie haben ihre Schränke ausgeräumt.

Jeder hat das: Klamotten, die wie neu aussehen, aber nie getragen werden. Ich habe also mehrere Haufen Klamotten von anderen (insgesamt 3 Frauen mit unterschiedlichen Stilen) auf mein Bett geworfen und alles wie Marie Kondo empfiehlt, in die Hand genommen und mich gefragt: macht mir das Freude? Plötzlich hatte ich Unmengen Sachen, die ich im Laden nie und nimmer in die Hand genommen hätte, die plötzlich passten, mir gefielen und die ich gern anzog. 

Danach entdeckte ich hier im Ort eine Veranstaltung die sich „Kleidertausch-Party“ nannte. (Diese Tauschparty findet alle paar Monate in der Buchhandlung Grimms lesen & genießen statt). 

Was passiert da?  Hauptsächlich Frauen entmisten ihre Schränke nach Klamotten (wie neu, ungeliebt & ungetragen) und bringen diese Sachen mit. Ich habe das auch so gemacht. Es war sehr befriedigend meinen Schrank aufzuräumen und Platz für Neues zu schaffen, ohne irgendwas in den Müll werfen zu müssen). Und dann gehts los. Ich lasse da, was mir nicht gefällt, und nehme „neue“ Sachen mit nach Hause. Der Clou? Ich kann, ohne Geld ausgeben zu müssen, Dinge ausprobieren, für die ich sonst nie den Mut hätte. Weil, wenn ich zuhause fest stelle, dass ich Teil X doch nicht anziehe und es einfach nur hübsch im Schrank hängt, dann kann ich es beim nächsten Mal einfach wieder mitbringen und nochmals unter die Menge mischen. Genial. Kein Konsum, kein Müll, kein sinnloses Shoppen, das ich später bereue. Was am Ende einer Tauschparty übrig bleibt wird der örtlichen Kleiderkammer gespendet. Win Win für alle. 

Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich mir eine Sendung übers Aufräumen anschaue, das kam mir sehr gelegen. (Ich habe mich an einer anderen Stelle über meine Netflix-Watchlist beschwert. Zu viel Mord, Totschlag, Blutvergießen. Da sind Dokus über fremde Länder, Renovierungen des Gartens oder eben Aufräumen die totale Erholung.)

Ich will auch gar nicht Marie Kondo selbst kritisieren. Die ist klein und niedlich und will anderen auf naive Art helfen ihre Butze aufzuräumen. Sie schickt die Frauen in die Küche, die Männer in die Garage? – Geschenkt. Jemandem helfen wollen, selbst in klassischen Rollen, ist erst Mal löblich. Aber wenn ein Typ 160 Paar Schuhe besitzt und in einem Nebensatz fallen lässt, dass er 10 000 Dollar Kreditkartenschulden hat (wegen der Schuhe!) dann ist sein geringstes Problem die unordentliche Sockenschublade im Gästezimmer. Was mich stört, an derartigen Sendungsformaten, ist der Umstand, dass mir als Zuschauer verkauft wird „Schau her, ich falte meine Hosen in Dritteln, jetzt ist mein Leben super.“ Eheprobleme, Kaufsucht, eine Messi-Lebensweise spielen plötzlich keine Rolle mehr. 

Ich lass mich gern von diesem wilden Aktionismus anstecken, ich bin da sehr empfänglich. Aber 160 Paar Schuhe auf 45 zu reduzieren löst nicht sein Grundproblem. Und die Schulden verschwinden nicht, so wie der Berg Sportschuhe nach dem Entmisten. 

Überhaupt bin ich erschüttert, wie viel Kram Menschen haben können. Früher, als ich noch ferngeschaut habe, da konnte ich mir sonntageweise den Trödeltrupp ansehen. Ich muss zugeben, das Format hat mich gar nicht so sehr getriggert. Das hatte nichts mit mir zu tun, all dieser Müll. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass man für jedes Nippes-Figürchen in einen Laden muss, also hinfahren, aussuchen, bezahlen, daheim hinstellen, warten, es später durch ein neues Figürchen austauschen, solange bis Haus, Scheune, gemietete Lagerfläche, Dachboden und Gartenlaube voll sind. So ein Irrsinn. Ich dachte, ehrlich gesagt; Ein Therapeut wär hier gut.  Und dann war mein Gedankengang zu Ende. 

Jetzt also, nach den Klamottenbergen fremder Leute, werde ich nachdenklich. 

Mein Schrank voll Klamotten, meine Bücher, mein Komono, all das: Es ist zu viel. Dafür muss ich es nicht mal auf einen Haufen werfen. Das weiß ich auch so.

Ich hab nachgeschaut. Ich habe drei Paar Jogging Schuhe. Die trage ich abwechselnd. Ich verbrauche exakt ein paar Segelschuhe pro Jahr. Ich kann hundert werden, und komme mit meinem Verbrauch dennoch nicht auf 160 paar Schuhe. Und dennoch beschleicht mich das Gefühl von zu viel.

Die Sendung zu schauen bedeutet; Ich fühle mich (auf Kosten anderer) besser. So schlimm bin ich ja nicht. 

Das bedeutet aber nicht; Zurück lehnen, es passt schon alles. 

Marie Kondo muss mir nicht helfen meine Butze aufzuräumen. Das ist gut zu wissen. 

Andere gucken die Sendung und kommen vielleicht zur gleichen Erkenntnis. Und wenn jetzt ein paar Haushalte entmistet werden, kann das nicht schlecht sein. 

Ich finde allerdings, aufräumen sollte Kindern in den Grundeinstellungen mitgegeben werden. Das ist die Sache mit der Erziehung, ein alter Hut, nä? Meine Mutter ist extrem, das muss wohl auch nicht sein. Wenn sie ein Spannbettlaken zusammen legt, kannst du hinterher die Wasserwaage drauf legen und dein Lineal neu eichen. Wie immer ist wohl die Mitte von all dem ein guter Ort. 

Ich geh jetzt aufräumen. Im Wohnzimmer meines Seelenhauses. Da sieht‘s aus wie Sau. 😉

Caro

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Autor:

C. M. Hafen, Autorin bei 1000Zeichen, get shorties Lesebühne und O´Connell Press: Drachenbrüder. Das Drachenvolk von Leotrim. *it´s the write thing to do.

Ein Kommentar zu „Aufräumen mit Marie Kondo

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