Kurzgeschichte

Projekt Schreibbude im Mai 2017

Das war sie, die erste Schreibbude der get shorties Lesebühne. Mit dabei waren: Ingo Klopfer, Rainer Bauck, Jörg Kaier, Carolin M. Hafen und als Gastautorin: Lotte Römer. Weiter geht´s am 17. Juni 2017

 

Alle fleißig bei der Arbeit!

 

Schreibbuden-Auftrag

 

 

 

In der Stadtbibliothek hat man tolle Bücheraussichten!

 

Aussenansicht

 

Caro bei der Arbeit

 

Das Projekt!

 

Onkel Willi

„Onkel Willi“ ist das Ergebnis meiner letzten Textwerkstatt. Der Text hieß ursprünglich anders, aber weder der Titel noch das Ende gefielen mir. Solche Texte eignen sich prima für die Textwerkstatt, dort kann ich meinen Beitrag vorlesen und explizit nachfragen: Gefällt euch der Titel? Ich bin unzufrieden mit dem Ende, funktioniert die Geschichte so überhaupt?

Die Damen und ich treffen uns ein oder zwei Mal im Jahr, jede bringt ein Sorgenkind mit, um sich Feedback bei uns zu holen. Manchmal arbeitet man an etwas und sieht vor lauter Buchstaben die Geschichte nicht. Mir tun diese Treffen unheimlich gut, weil sie mir einen Blick über den Tellerrand gewähren. Ich kann sehen, wie die anderen arbeiten, kann mir Ideen und Inspiration nehmen, als wären es bunte Blumen, fernab von Neid oder Konkurrenzdenken. Wir ermutigen uns gegenseitig, kritisieren, da wo es nötig ist, stellen Fragen, versuchen dem Problem auf den Grund zu gehen. Oft frage ich: „Versteht man hier was ich meine?“ Ich kann ja viel meinen, wenn es in Worten aber nicht auf dem Papier steht, und der Leser, die Leserin nicht versteht, was ich da erzähle, dann nützt es alles nichts. Dadurch, dass wir uns nicht so oft treffen, ist eine gewisse Distanz da, eine Objektivität, die ich sehr schätze. Die Frauen sagen, zum Beispiel, „oh, du liest viel besser, als noch vor Jahren“. Sie sehen die Entwicklung. Vielleicht kennst du das: Jemand in deiner Umgebung stellt die Ernährung um, nimmt ab, da ihr euch aber jeden Tag seht, bemerkst du die Veränderung zunächst nicht. Bei jemandem, den du nur alle vier Wochen siehst, fällt es dir sofort auf.

So ähnlich ist es auch hier. Durch die Pausen ist der Blick anders. Und dann: Wir können sogar am selben Thema abreiten, Monate später mit einer Kurzgeschichte wieder zusammen treffen, vergleichen, wer ist das Thema wie angegangen? Ich staune dann oft: „Ach, das lässt sich aus Thema X machen? Krass.“ Ich mag das, es ist, als würde man einen Baum von allen Seiten betrachten, dort hat es mehr Äste, hier Moos an der Rinde, und schau, da ist sogar ein Vogelnest. Das ist toll. Ich denke manches Mal, hui, ein Vogelnest, das bekomme ich nie hin. Muss ich ja auch gar nicht, ich freue mich an den Blüten und Blätter der anderen. Dann versuche und experimentiere hinterher, wenn ich alle Eindrücke sortiert habe.

Nun habe ich diesen mit Hilfe der Damen Text überarbeitet, umbenannt, ich bin zufrieden.

~Caro

 

 

 

Mein Onkel hat jetzt einen Hund. Einen Golden Retriever, so einen hübschen Vorzeige-Angeber-Hund, der helfen soll eine neue Frau kennen zu lernen. Hunde und kleine Kinder eignen sich hervorragend dazu neue Kontakte zu knüpfen, das sagen zumindest die Söhne von Onkel Willi. Die sind jetzt groß, meine Tante schon zehn Jahre tot und aus irgendeinem Grund finden die Jungs von Willibald, dass ihm das Alleinsein nicht gut steht. Daher haben sie den Hund gekauft, ohne zu fragen und der soll Abhilfe schaffen, wo eigentlich gar kein Problem vorliegt.

Das ist ein sehr junger Hund, noch kein Jahr alt. Den muss man erziehen. Aber vor allem, man muss mit ihm mithalten. Onkel Willi ist mir von allen Verwandten der Liebste. Er ist etwas kurz geraten und watschelt mit seinen Plattfüßen. Er erinnert mich, mit seiner Halbglatze und dem weißen, struppigen Haarkranz, an einen Pinguin. Deshalb muss ich immer lächeln, wenn ich an ihn denke. Ich kann nicht an einen Pinguin denken und gleichzeitig traurig sein, das geht einfach nicht.

Willibald rennt mit dem Hund durch die Stadt, er macht kleine Schrittchen mit seinen kurzen Beinen, der Hund zerrt an der Leine. Willi hält die Leine hoch, etwa auf Schulterhöhe, so als könnte er den Welpen damit zügeln, doch Willi rennt, ganz eindeutig erkennbar, dem Hund hinterher. Das sieht aus, als würde ein Kleinkind Gassi geführt.

Mir ist das Gerenne zu blöd. Ich gehe gemächlich hinterher. Samstags zum Beispiel, wenn wir auf dem Wochenmarkt einkaufen. Jedes Mal wenn der Hund anhält um zu pinkeln, hole ich sie ein. So rennen und pausieren wir durch die Stadt.

Die Söhne haben Willi nicht groß gefragt, ob er einen Hund, eine neue Frau oder bevormundet werden will. Selbst den Namen haben sie ausgesucht. Der Hund heißt Kai-Uwe. Ich finde das schrecklich, daher sage ich nur „Herr Hund“ zu ihm. Wir gehen sehr höflich miteinander um. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: „Wau“. Mit Komplimenten kriegt man mich eben.

Willi ist die ganze Angelegenheit zu viel. Ginge es nach ihm, er würde nur gemächlich durch die Stadt flanieren, mit den Damen beim Bäcker flirten, im Park Schach spielen und auf meinem Balkon in der Sonne sitzen und mit dem Guten über Fußball reden. Er ist jetzt Rentner, ganz offiziell.

Daher ist der Hund nun ein Patchwork-Hund. Montag bis Donnerstag ist er bei Willi und Freitag bis Sonntag ist er bei mir. Onkel Willi wohnt drei Straßen weiter. Wenn er morgens zu mir rüber gerannt kommt, Kai-Uwe abgibt, und zurück geht, ist sein Frühstücks-Kaffe immer noch nicht kalt.

Es kam schon vor, dass einer seiner Jungs unangemeldet vor der Tür stand. Da kam Onkel Willi angerannt (abgehauen, durch die Küchentür, weil der Hund angeblich im Garten sei), schnappte sich Kai-Uwe und rannte zurück. Es soll ja keiner auf die Idee kommen, dem Hund ginge es nicht gut oder Willi sei ein mieser Hunde-Besitzer, weil er sich das Sorgerecht mit mir teilt.

Onkel Willi feiert, meiner Meinung nach, am schönsten Geburtstage. Seinen eigenen, den seiner Kinder, auch den seiner Frau noch. Und meinen natürlich. Ich bin mittags um halb drei geboren worden, und deshalb steht er an meinem Jahrestag immer pünktlich um 14 Uhr 29 vor meiner Haustür, klingelt Sturm und besingt mich und mein Dasein. Er hat dann immer drei Luftballons dabei. Meine Mutter sagt, er hätte schon damals im Krankenhaus drei Luftballons mitgebracht um mich zu begrüßen. Als Kind, so mit acht oder neun Jahren, fand ich das bombig. Mit sechzehn war es mir kurz peinlich, nun mir dreiundalt, finde ich es wieder sehr großartig. Das gibt dem Tag so was leichtes.

Seine Söhne finden diese Tradition nicht so toll. Besonders Martin, der morgens um 4 Uhr 14 geboren wurde, kann dem bis heute nichts abgewinnen. Ich weiß gar nicht, warum der sich so anstellt. Luftballons und ein Ständchen sind doch zu jeder Uhrzeit schön.

„Leicht ist´s wenn man es leicht nimmt.“ Das ist so ein Satz von Willi, den er oft sagt. Ich konnte das noch nie gut, Dinge leicht nehmen. Ich glaube, ich war in der fünften Klasse, als unsere Lehrerin uns sagte, dass die Sonne irgendwann verglühen würde. Sie sagte zwar, dass das noch einige Jahre dauernd würde, aber ich war so erschüttert, dass ich den Teil überhört oder für unwichtig angesehen hatte. Ich lief, ein heulendes Elend, nach Hause und warf mich meiner Mutter in die Arme, so als würde das mit der verglühenden Sonne gleich morgen passieren.

Damals lebte meine Tante noch, Willi muss das mit der verglühenden Sonne besser verstanden haben, als wir alle zusammen. Er fragte mich an dem Abend, ob ich mit ihm Rad fahren gehe. Komischerweise half das. Radfahren ist auch leicht. Ich mag es, wenn mir der Wind die Haare zerzaust, und meine eigene Muskelkraft mich weiter bringt. Das Gefühl hat man ja nicht oft – durch eigene Taten ans Ziel kommen. Aus der Schule kannte ich das Gefühl jedenfalls nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir fuhren zu einem nahe gelegenen See, ich wurde von den Mücken zerstochen, seine Glatze glänzte vom Schweiß und meine Sorge um die Sonne wurde ganz klein, weil sie nämlich hübsch im Wasser glitzerte und so aussah, als käme sie ohne meine Sorgen klar.

Damals dachte ich, wenn ich erst erwachsen und Schriftstellerin bin, dann trage ich jeden Tag einen schwarzen Rollkragenpulli, schaue dauernd Nachrichten und lasse mich in diesen Weltschmerz hineinfallen, um gut schreiben zu können. Das gehört zum Berufsbild, die gequälte Schriftstellerseele und ein gewisses Maß an Weltekel.

„Quatsch mit Soße“ sagte Willi, als ich ihm das alles sehr ausführlich erklärt hatte. „Die Leute wollen ein Happy End“.

Wir fuhren wieder heim. Schweigend und gemächlich. Die Sonne verglühte nicht. Meiner Tante habe ich vier Jahre beim Sterben zugesehen.

Später, als sie dann nicht mehr da war, saß Willi oft bei uns auf dem Balkon und schimpfte über seine Jungs. Meine Mutter hörte sich das geduldig an.

„Ich bringe sie um, einen nach dem anderen. Wie kann man nur so viel Mist bauen!“, schrie er, und man hörte seine Stimme in der ganzen Straße. Im Sommer, da blieben die Leute einfach in ihren Gärten sitzen, tranken ihr Bier, grillten ihre Würstle, ermahnten die Kinder nicht aus den Apfelbäumen zu plumpsen, und über allem, Willis Stimme, die ins gleichgültige Universum hinaus brüllte.

„Wie konnte sie mich mit diesen Plagen allein lassen?“

Meine Mutter hatte selber zwei und sich angewöhnt, gar nicht mehr zu fragen, wer was angestellt hatte, sie schrie einfach alle fünf Jungs an und verteilte Stubenarrest über zwei Haushalte hinweg.

Und ich fragte Onkel Willi, ob er mit mir Rad fahren geht.

Früher reagierten die Jungs auf jede Frau, die nur ein wenig nett zu Willi war, gereizt und abweisend. Jetzt, wo alle drei mit dem Studium fertig und im Leben angekommen sind, mit Frau, Nachwuchs und Hausbau, finden sie es merkwürdig, dass Willi immer noch allein ist.

„Ich will das doch alles gar nicht“, sagte Onkel Willi kopfschüttelnd zu mir, an dem Abend als die Jungs Kai-Uwe brachten.

„Aber jetzt ist er da und braucht ein Zuhause“, sagte ich.

Also gingen wir Gassi. Willi nahm die Futterschüssel und die Wasserschale mit, ganz so als wäre Kai-Uwe ein quengelndes Kleinkind, das man bei einem Spaziergang bei Laune halten musste. Futter und Wasser waren schnell verschüttet, und Onkel Willi aus der Puste.

„Mach dir mal keine Sorgen wegen der Weiber“, japste ich am Schluss. „Du hast gar keine Zeit jemanden kennen zu lernen, so wie du rennst.“

Ach so, das Happy End.

Ich habe mit Kai-Uwe heimlich geübt. Er rennt jetzt locker und sehr brav neben dem Fahrrad her. Wenn ich Onkel Willi diese Nachricht eröffne, an Kai Uwes Geburtstag, bekommt mein Onkel drei Luftballons dazu.

 

© Carolin Hafen

Die Modernisierung meiner Mutter

Bov BjergWenn ein Buch mit den Worten beginnt „Schinkennudeln waren immer mein Lieblingsessen, aber einmal habe ich davon gekotzt.“, dann weiß man eigentlich schon, dass der Rest großartig wird. „Die Modernisierung meiner Mutter“ ist eine Kurzgeschichtensammlung. Das Ganze hat wenig mit „Auerhaus“ zu tun, kann man aber genauso gut lesen. Mindestens. Ich mag diesen leichten, natürlichen Erzählstil. Da wird mir nichts aufgezwungen, ich schlendere ganz gemütlich durch das Universum des Ich-Erzählers.

Das gefällt mir besonders gut: Ich plumpse nicht in eine Geschichte hinein, und muss mich fünf Seiten später neu orientieren. Kurzgeschichten, wie Fotos aneinander gereiht. Eigentlich nicht zusammen gehörend und doch am Schluss: Ein Leben.

Ganz erstaunlich. Jede Seite ist ein kleiner Mikrokosmos, die Geschichten wechseln im Tempo, in der Länge, manche sind nur drei Zeilen lang. Es kommt mir vor, als hätte ich an einem gemütlichen Sonntagnachmittag das Familienalbum eines guten Freundes angeschaut. Alles ist ganz vertraut, und doch entdeckt man überall noch etwas und noch etwas.

There is Waldo! 

 

Keller aufräumen. Das heißt: endgültig sesshaft werden  

Der Ich-Erzähler berichtet davon, wie er von Schinkennudeln kotzen musste, wie es kam, dass im Dorf eine Druckkopfampel aufgestellt wurde, wie aus dem Bomben-Klaus ein Kopfschuß-Klaus wurde, oder wie seine Mutter den Führerschein machte. Ich habe ein paar mal herzlich gelacht und mich wieder erkannt: Die Erforschung des Paternosters wäre mir auch ein dringendes Bedürfnis. Bov Bjerg zu lesen ist so einfach wie einen Bildband anzuschauen. Und diese Leichtigkeit haben nicht viele deutschsprachige Autoren. Ich hätte gern mehr davon.

 

 

  • Bov Bjerg
  • Aufbau Verlag
  • ISBN 978-3-351-05033-7
  • 16€

Drei Luftballons

 

Am Freitag haben wir Shorties unsere letzte Lesung vor der Sommerpause veranstaltet. Wie das war, kann man hier [Stuttgarter Zeitung] nachlesen. Jetzt war es mir noch ein Bedürfnis meinen letzten Text, den ich für diese Lese-Tour geschrieben habe, zu vertonen. Weil, im September starten wir mit neuen Terminen und neuen Texten durch. Aber jetzt freue ich mich auf den Urlaub, aufs durchatmen, lesen, Kopf lüften, Ideen & Wörter tanken. Das wird super.

~Caro

Armer Richard

Passend zur EM habe ich „Armer Richard“ eingelesen. Eine Art Fußball-Geschichte. 😉

Ein Auszug aus dem Erzählband „Werd´endlich erwachsen„.

By the way; wir shorties lesen am Freitag, den 8 Juli 2016 in Heilbronn im Botanischen Obstarten. 19 Uhr.

~Caro

 

Eindrücke aus Böblingen

Wir „Shorties“ waren mal wieder im Blauen Haus in Böblingen, diesmal in der kleinen Besetzung. Ingo, Volker, Rainer und ich. Ich mag das Blaue Haus ganz grundsätzlich, weil die Leute da sehr nett sind, im Sinne von unverkrampft. Jedes Mal wenn wir da sind, hängt eine neue Bilderausstellung an den Wänden und ich habe vorher immer noch die Möglichkeit bei meinem Lieblingsfastfoodanbieter mit vielen Entscheidungen ein scharfes Sandwich zu essen. Alles in allem also: Toll.

Diesmal hat uns Matthias Breckle auf seiner Gitarre begleitet, aber die Mundharmonika vergessen. Macht aber nix, der Mensch, der sonst an der Kasse steht, hat eine, und ohne viel Aufhebens holt er seine Mundharmonika und steigt einfach mit ein. Ich mag solche Sachen ja sehr gern. Keine steife Wasser-Glas-Lesung mit klarer Rollenverteilung und ernstem Gehabe, sondern gelebte Literatur. Da überlegt Matthias also laut, welches Lied er als nächstes spielen soll und meint noch lapidar er könne sich nicht an den Text erinnern, der Lügner. 🙂 Die Leute lachen und haben Teil an der Gestaltung des Abends. Ingo fragt in die Runde welchen Text er lesen soll, fast wie bei einem Wunschkonzert, und da wird rein gerufen und es werden Scherze gemacht. Wenn man dann als Vortragender mitten im Text einen Spontan-Applaus bekommt, weil die Pointe so gut gelungen ist, dann ist alles perfekt. Ich fühle mich immer geadelt, wenn das einem der Kollegen oder mir passiert.

Wenn ich nach einem Abend wie gestern, in dem Pannen keine Fehler sind, sondern das Leben, nach Gesprächen mit den Zuhörern und guter Dinge heim fahre, dann weiß ich genau warum ich das mache: Dieses Gemeinschaftsgefühl zwischen den Kollegen, dem Publikum und guter Musik ist einfach toll. Für mich die schönste Art Literatur zu teilen.

 

 

Infos zum Buch:

„Werd´ endlich erwachsen!“, blafft sie mich an. Einen Moment bin ich irritiert. Für eine schlagfertige Antwort dauert das zu lang. Ich überlege den Bruchteil einer Sekunde lang, ob ich der blöden Kuh meinen Kakao über die Rübe kippen soll. Ich habe noch Zeit zu denken, dass ein Sahnehäubchen auf ihrem weißen Harr bestimmt hübsch aussähe. Schade, dass ich keine Sahne bestellt habe.

Werd endlich erwachsen Illu rot