Kurzgeschichte

Autorenwahnsinn – Sommer Edition – Tag 12

Tag 12: Abkühlung gefällig? Wie wäre es mit einem erfrischenden Zitat?
Vielleicht aus einer Dusch- oder Badeszene? Aus einer Schwimmszene oder einer Stelle in deinem Manuskript, an der deine Protagonisten ein kühles Bier genießen?

 

Wie wär´s mit einer Sommer-Kurzgeschichte?

 

Armer Richard

Werd´ endlich erwachsen

Ich bin ein schlechter Mensch, ich habe meinen Freund Richard zu einem gemeinsamen Urlaub gezwungen. Das mit dem Urlaub wäre eigentlich gar nicht so wild gewesen. Wenn unsere Ferienwohnung einen Fernseher gehabt hätte. Also einen Fernseher, der die Bezeichnung Fernseher auch verdient. Leider, oder, eben weil ich ein schlechter und egoistischer Mensch bin, habe ich den Urlaub geplant ohne mich nach dem TV Gerät zu erkundigen. Er kommentierte das vor Ort mit „Ich armer Richard“.

Bevor ich mit der Planung los legte, bekam ich von ihm eine Exel-Tabelle per Email, mit einigen Auflagen, an die ich mich zu halten hätte.

Urlaub,

nicht während der Fussball EM oder WM

nicht während der Tour de France oder dem Ski Springen

nicht während der olympischen Spiele

auf keinen Fall während der Frauen-Volleyball-Saison

unter gar keinen Umständen während des verkaufsoffenen Sonntags oder der Rabatt-Wochen im Baumarkt.

Leute, wenn man sich daran hält, bleibt ein Mittwoch im Oktober übrig. Also landete die Tabelle im Papierkorb, und auch seine Lebensgrundlage; Bier, grillen und Fussball ignorierte ich völlig. Gebucht habe ich dann eine Ferienwohnung in Portugal, und keine Touristenhölle in der man Gefahr läuft Daniela Katzenberger ein Autogramm abnehmen zu müssen. Die Wohnung hatte einen fantastischen Ausblick, man musste nur gefühlt siebzehntausend Stufen bis zum Strand runter, ansonsten war es postkarten-kitschig-idyllisch.

Jetzt begab es sich, dass irgendwo auf der Welt Fußball gespielt wurde während wir im Urlaub waren. Irgendwas mit EM oder WM oder noch so ein paar Buchstaben aus dem Alphabet. Was weiß denn ich.

Die Ferienwohnung verfügte über einen Fernseher, ich sah also das Problem nicht, als mein armer Richard vor dem Gerät saß und eine Schnute zog. Fußball ist eine universelle Sprache, dass kann ohne Ton oder sogar mit portugiesischem Kommentator gucken, der Inhalt der Aussagen wird jetzt nicht so wahnsinnig variieren. Dachte ich.

Wie immer ging es um die Größe. Ich sag ihm seit Jahren, dass das überhaupt keine Rolle spielt, interessiert ihn aber in dem Moment nicht.

„Das Gerät ist zu klein.“

Ich sehe ihm mit einer Mischung aus Neugier und Besorgnis zu, wie er den Bildschirm umarmt.

In unserem Freundeskreis passiert gerade eine merkwürdige Sache. Man prüft dauernd, ob die Haut noch elastisch ist, ob die Falten unterspritzt werden müssen, ob man schon fett ist, oder nur kräftig gebaut, und die Beweglichkeit ganz allgemein ist ein großes Thema. Irgendwer klatscht dabei immer in die Hände und brüllt: Flexibel bleiben!

Ich beobachte also regelmässig Jungens über dreissig, die antesten ob sie ihre Hände auf dem Rücken noch berühren können.  Wenn man also eine Hand von oben und die andre von unten aneinander führt. Die ganze Sache hat vermutlich was mit Sex zu tun, ich kapiere das aber so wenig wie die Abseitsregeln.

Ich beobachte also zwei erstaunliche Phänomene in meinem Umfeld. Die eine Gruppe ist verheiratet und lässt sich gehen. Wenn man erst verheiratet ist, ist die Sache mit dem Sex eh vorbei, dann kann man sich auch fett fressen.

Die andere Gruppe ist Single, wäre aber gern was anderes, betreibt einen irren Körperkult um fit zu bleiben, darauf wartend, dass die andere Gruppe sich wieder scheiden lässt um dann im zweiten Anlauf durchzustarten.

Wenn man dieses zusammenführen der Hände noch kann; Halleluja.

Und dort, im Urlaub berührte mein armer Richard seine Fingerspitzen auf dem Rücken des Samsung und befand allen ernstes:

„Zu klein. Wenn man die Hände hinten noch zusammen kriegt, ist das Ding untauglich.“ (Das ist einer dieser Sätze, den eine Frau nie zu hören kriegen würde.)

Auf meine naive Frage, wann ein Fernseher groß genug sei, sagte er: „Wenn man ihn nur zu zweit tragen kann.“ Aha.

Auf meine ganze Fussball-Ignoranz reagierte er beleidigt. Ich müsse heute Abend auf seine Gesellschaft verzichten, meinte er, – was seine Art war mir mitzuteilen, dass er auf dem Sofa schlafen würde. Er hat noch nie auf dem Ding geschlafen, weil ER das entschieden hat. In unserer Beziehung hab ich die Hosen an und ich entscheide, wann er seine auszieht.

Er fand sich endlich damit ab – schweren Herzens – dass er auf diesem Winzding das Spiel schauen musste. Ich glaube ich habe noch „Alternative“ und „Radio“ gesagt; back to the roots. Er warf ein Kissen nach mir, immer noch wütend und ich lächelte siegessicher. Mal ehrlich: Haben Sie schon mal einen Vierjährigen mit Überraschungsei gesehen, der das Ding nicht anrührt? Ich nicht.

Vielleicht kennen Sie das ja, man ist im Urlaub, der Tag neigt sich dem Ende und man dünstet nicht mehr aromatisch wie eine Zwiebel im Topf sondern blubbert nur noch gemächlich vor sich hin wie ein Vanillepudding.

In meinem Fall ist aus dem Pudding eine krebsrote Reklametafel für CocaCola geworden. Richard war so lieb mir auf meinen Sonnenbrand auch den passenden Schriftzug zu malen.

Wegen mir hätte der blöde Fernseher ausbleiben können. Ich weiss, nach dem Spiel will er entweder getröstet oder als toller Hecht gefeiert werden, so als hätte er selbst mitgespielt. Da kann er beleidigt sein wie er will, der schläft doch nicht auf dem Sofa: das Überraschungsei wird ausgepackt.

Falls sie die Metapher jetzt nicht kapieren; ich werd vernascht, dann wird gespielt und wenn er pennt, gehe ich an den Kühlschrank und fresse ich die Schokolade ganz alleine.

Auf dem Weg vom Strand zur Wohnung, etwa eine Stunde vor dem Anpfiff kamen wir an einer ganzen Reihe von Ferienwohnungen vorbei, die etwa alle so aussahen wie unsere: Kleine, viereckige Behausungen, aussen weiß angepinselt, mit blauen Fensterläden, einer Terrasse zum Strand hin, und schmalen, raumhohen Fenstern. Mein armer Richard schaute unverhohlen in die Wohnungen der anderen Gäste und stellte zwei Dinge fest. Die Inneneinrichtung, sowie die Abmessungen der Räume, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad, Küche, glichen einander wie überraschte Kindereier. Die Fernseher nicht.

Badeanzüge und Handtücher flatterten im Wind, von den Urlaubern keine Spur. Ich vermutete sie im Schlafzimmer, aber das nur am Rande. Mein armer Richard schlich zur geöffneten Terrassentür hinein, ich schlich, soweit das mit FlipFlops möglich ist, hinterher.

„Was soll das“, flüsterte ich. Obwohl ich genau wusste was das soll.

„Du klaust jetzt nicht den Fernseher!“

„Pscht“, machte er, „wir klauen den nicht, wir leihen den aus.“

„Wir machen hier gar nichts“, quiekte ich. „Leihen, bis morgen meinst du? Und dann schleppen wir den nach dem Frühstück zurück, als wär nichts? Huch, wir haben versehentlich euren Fernseher genommen!?“

„Du hast Wir gesagt.“ Er grinste. „Und nein, nicht bis morgen. Morgen spielt Argentinien.“

„Boah, du machst mich fertig.“

„Was buchst du auch Urlaub während der WM? Ich könnt daheim im Biergarten sitzen und das ganze publik anschauen. Draussen, verstehste!“

„Komm jetzt aus der Wohnung!“ Ich hörte mich an, als wären wir schon dreissig Jahre verheiratet.

„Nein. Mach jetzt. Trag das Teil mit mir rüber und ich verzeih dir“, sagte er.

„DU VERZEIHST MIR?“ Ich verschränkte die Arme. Und schnippisch fügte ich an: „Ich will nicht!“

„Du willst. Stell dir einfach vor, ich hätte ne Lederjacke an und das wär ein Motorrad.“

Bad Boy Richard. Das musste ich mir kurz durch den Kopf gehen lassen. Ich hätte ihm nicht erzählen sollen, dass Frauen sich gern in einen Typen mit Motorrad verlieben, um anschließend einen Mann mit Kombi aus ihm zu machen. Seither verwendete er das dauernd gegen mich.

Im Schlafzimmer wurde gestöhnt. Deren Spiel befand sich kurz vor dem Abpfiff.

Weil ich beim Fernsehklau nicht erwischt werden wollte, griff ich beherzt zu, Richard grinste dreckig und packte seinerseits an und so trugen wir das gute Stück, einen Flachbildschirm so groß wie ich, hinaus, nicht über die Terrasse – wir quetschen uns durch eins der raumhohen Fenster, im Schatten, und ohne Zeugen tippelten wir den kleinen gepflasterten kitschig-postkarten-idyllischen Weg entlang an sechs Häusern vorbei in unsere Wohnung.

Damit war Richard aber nicht zufrieden. Er trug unser Gerät, das Winzding, wie er liebevoll sagte, zurück. Oben war sogar ein Griff. Offensichtlich war das Pärchen in die Verlängerung gegangen, er kam unbehelligt und durch das Fenster hinein, und ohne Fernseher wieder raus. Es flatterten immer noch Badesachen und Handtücher im Wind, irgendwo wurde gegrillt, Richard ploppte sich ein Bier auf, und als die Sonne unter ging, hörte man einen herzerweichenden, langen, verzweifelten Schrei aus Ferienwohnung Nr. 3.

Deutschland hat gewonnen. Ich übrigens auch, zwei Mal.

 

 

 

 

Tag 11: Zeig uns eine besondere Widmung – von dir oder einem anderen Autor!Tag 11: Zeig uns eine besondere Widmung – von dir oder einem anderen Autor!

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Die Schreibbude im Juli

Wir hatten, je länger der Nachmittag dauerte, mehr und mehr zu tun und daher habe ich nicht alle Texte fotografiert. Das habe ich sprichwörtlich verschwitzt. Mea culpa. ~Caro

Jedenfalls. Dieses mal waren Ingo Klopfer, Rainer Bauck und Carolin M. Hafen an den Tasten. Dorothea Böhme unterstützte uns als Gastautorin. Vielen Dank für deinen Einsatz!

 

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Link-Liste:

Projekt Schreibbude im Mai 2017

Das war sie, die erste Schreibbude der get shorties Lesebühne. Mit dabei waren: Ingo Klopfer, Rainer Bauck, Jörg Kaier, Carolin M. Hafen und als Gastautorin: Lotte Römer. Weiter geht´s am 17. Juni 2017

 

Alle fleißig bei der Arbeit!

 

Schreibbuden-Auftrag

 

 

 

In der Stadtbibliothek hat man tolle Bücheraussichten!

 

Aussenansicht

 

Caro bei der Arbeit

 

Das Projekt!

 

Onkel Willi

„Onkel Willi“ ist das Ergebnis meiner letzten Textwerkstatt. Der Text hieß ursprünglich anders, aber weder der Titel noch das Ende gefielen mir. Solche Texte eignen sich prima für die Textwerkstatt, dort kann ich meinen Beitrag vorlesen und explizit nachfragen: Gefällt euch der Titel? Ich bin unzufrieden mit dem Ende, funktioniert die Geschichte so überhaupt?

Die Damen und ich treffen uns ein oder zwei Mal im Jahr, jede bringt ein Sorgenkind mit, um sich Feedback bei uns zu holen. Manchmal arbeitet man an etwas und sieht vor lauter Buchstaben die Geschichte nicht. Mir tun diese Treffen unheimlich gut, weil sie mir einen Blick über den Tellerrand gewähren. Ich kann sehen, wie die anderen arbeiten, kann mir Ideen und Inspiration nehmen, als wären es bunte Blumen, fernab von Neid oder Konkurrenzdenken. Wir ermutigen uns gegenseitig, kritisieren, da wo es nötig ist, stellen Fragen, versuchen dem Problem auf den Grund zu gehen. Oft frage ich: „Versteht man hier was ich meine?“ Ich kann ja viel meinen, wenn es in Worten aber nicht auf dem Papier steht, und der Leser, die Leserin nicht versteht, was ich da erzähle, dann nützt es alles nichts. Dadurch, dass wir uns nicht so oft treffen, ist eine gewisse Distanz da, eine Objektivität, die ich sehr schätze. Die Frauen sagen, zum Beispiel, „oh, du liest viel besser, als noch vor Jahren“. Sie sehen die Entwicklung. Vielleicht kennst du das: Jemand in deiner Umgebung stellt die Ernährung um, nimmt ab, da ihr euch aber jeden Tag seht, bemerkst du die Veränderung zunächst nicht. Bei jemandem, den du nur alle vier Wochen siehst, fällt es dir sofort auf.

So ähnlich ist es auch hier. Durch die Pausen ist der Blick anders. Und dann: Wir können sogar am selben Thema abreiten, Monate später mit einer Kurzgeschichte wieder zusammen treffen, vergleichen, wer ist das Thema wie angegangen? Ich staune dann oft: „Ach, das lässt sich aus Thema X machen? Krass.“ Ich mag das, es ist, als würde man einen Baum von allen Seiten betrachten, dort hat es mehr Äste, hier Moos an der Rinde, und schau, da ist sogar ein Vogelnest. Das ist toll. Ich denke manches Mal, hui, ein Vogelnest, das bekomme ich nie hin. Muss ich ja auch gar nicht, ich freue mich an den Blüten und Blätter der anderen. Dann versuche und experimentiere hinterher, wenn ich alle Eindrücke sortiert habe.

Nun habe ich diesen mit Hilfe der Damen Text überarbeitet, umbenannt, ich bin zufrieden.

~Caro

 

 

 

Mein Onkel hat jetzt einen Hund. Einen Golden Retriever, so einen hübschen Vorzeige-Angeber-Hund, der helfen soll eine neue Frau kennen zu lernen. Hunde und kleine Kinder eignen sich hervorragend dazu neue Kontakte zu knüpfen, das sagen zumindest die Söhne von Onkel Willi. Die sind jetzt groß, meine Tante schon zehn Jahre tot und aus irgendeinem Grund finden die Jungs von Willibald, dass ihm das Alleinsein nicht gut steht. Daher haben sie den Hund gekauft, ohne zu fragen und der soll Abhilfe schaffen, wo eigentlich gar kein Problem vorliegt.

Das ist ein sehr junger Hund, noch kein Jahr alt. Den muss man erziehen. Aber vor allem, man muss mit ihm mithalten. Onkel Willi ist mir von allen Verwandten der Liebste. Er ist etwas kurz geraten und watschelt mit seinen Plattfüßen. Er erinnert mich, mit seiner Halbglatze und dem weißen, struppigen Haarkranz, an einen Pinguin. Deshalb muss ich immer lächeln, wenn ich an ihn denke. Ich kann nicht an einen Pinguin denken und gleichzeitig traurig sein, das geht einfach nicht.

Willibald rennt mit dem Hund durch die Stadt, er macht kleine Schrittchen mit seinen kurzen Beinen, der Hund zerrt an der Leine. Willi hält die Leine hoch, etwa auf Schulterhöhe, so als könnte er den Welpen damit zügeln, doch Willi rennt, ganz eindeutig erkennbar, dem Hund hinterher. Das sieht aus, als würde ein Kleinkind Gassi geführt.

Mir ist das Gerenne zu blöd. Ich gehe gemächlich hinterher. Samstags zum Beispiel, wenn wir auf dem Wochenmarkt einkaufen. Jedes Mal wenn der Hund anhält um zu pinkeln, hole ich sie ein. So rennen und pausieren wir durch die Stadt.

Die Söhne haben Willi nicht groß gefragt, ob er einen Hund, eine neue Frau oder bevormundet werden will. Selbst den Namen haben sie ausgesucht. Der Hund heißt Kai-Uwe. Ich finde das schrecklich, daher sage ich nur „Herr Hund“ zu ihm. Wir gehen sehr höflich miteinander um. Immer, wenn er mich sieht, sagt er: „Wau“. Mit Komplimenten kriegt man mich eben.

Willi ist die ganze Angelegenheit zu viel. Ginge es nach ihm, er würde nur gemächlich durch die Stadt flanieren, mit den Damen beim Bäcker flirten, im Park Schach spielen und auf meinem Balkon in der Sonne sitzen und mit dem Guten über Fußball reden. Er ist jetzt Rentner, ganz offiziell.

Daher ist der Hund nun ein Patchwork-Hund. Montag bis Donnerstag ist er bei Willi und Freitag bis Sonntag ist er bei mir. Onkel Willi wohnt drei Straßen weiter. Wenn er morgens zu mir rüber gerannt kommt, Kai-Uwe abgibt, und zurück geht, ist sein Frühstücks-Kaffe immer noch nicht kalt.

Es kam schon vor, dass einer seiner Jungs unangemeldet vor der Tür stand. Da kam Onkel Willi angerannt (abgehauen, durch die Küchentür, weil der Hund angeblich im Garten sei), schnappte sich Kai-Uwe und rannte zurück. Es soll ja keiner auf die Idee kommen, dem Hund ginge es nicht gut oder Willi sei ein mieser Hunde-Besitzer, weil er sich das Sorgerecht mit mir teilt.

Onkel Willi feiert, meiner Meinung nach, am schönsten Geburtstage. Seinen eigenen, den seiner Kinder, auch den seiner Frau noch. Und meinen natürlich. Ich bin mittags um halb drei geboren worden, und deshalb steht er an meinem Jahrestag immer pünktlich um 14 Uhr 29 vor meiner Haustür, klingelt Sturm und besingt mich und mein Dasein. Er hat dann immer drei Luftballons dabei. Meine Mutter sagt, er hätte schon damals im Krankenhaus drei Luftballons mitgebracht um mich zu begrüßen. Als Kind, so mit acht oder neun Jahren, fand ich das bombig. Mit sechzehn war es mir kurz peinlich, nun mir dreiundalt, finde ich es wieder sehr großartig. Das gibt dem Tag so was leichtes.

Seine Söhne finden diese Tradition nicht so toll. Besonders Martin, der morgens um 4 Uhr 14 geboren wurde, kann dem bis heute nichts abgewinnen. Ich weiß gar nicht, warum der sich so anstellt. Luftballons und ein Ständchen sind doch zu jeder Uhrzeit schön.

„Leicht ist´s wenn man es leicht nimmt.“ Das ist so ein Satz von Willi, den er oft sagt. Ich konnte das noch nie gut, Dinge leicht nehmen. Ich glaube, ich war in der fünften Klasse, als unsere Lehrerin uns sagte, dass die Sonne irgendwann verglühen würde. Sie sagte zwar, dass das noch einige Jahre dauernd würde, aber ich war so erschüttert, dass ich den Teil überhört oder für unwichtig angesehen hatte. Ich lief, ein heulendes Elend, nach Hause und warf mich meiner Mutter in die Arme, so als würde das mit der verglühenden Sonne gleich morgen passieren.

Damals lebte meine Tante noch, Willi muss das mit der verglühenden Sonne besser verstanden haben, als wir alle zusammen. Er fragte mich an dem Abend, ob ich mit ihm Rad fahren gehe. Komischerweise half das. Radfahren ist auch leicht. Ich mag es, wenn mir der Wind die Haare zerzaust, und meine eigene Muskelkraft mich weiter bringt. Das Gefühl hat man ja nicht oft – durch eigene Taten ans Ziel kommen. Aus der Schule kannte ich das Gefühl jedenfalls nicht. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir fuhren zu einem nahe gelegenen See, ich wurde von den Mücken zerstochen, seine Glatze glänzte vom Schweiß und meine Sorge um die Sonne wurde ganz klein, weil sie nämlich hübsch im Wasser glitzerte und so aussah, als käme sie ohne meine Sorgen klar.

Damals dachte ich, wenn ich erst erwachsen und Schriftstellerin bin, dann trage ich jeden Tag einen schwarzen Rollkragenpulli, schaue dauernd Nachrichten und lasse mich in diesen Weltschmerz hineinfallen, um gut schreiben zu können. Das gehört zum Berufsbild, die gequälte Schriftstellerseele und ein gewisses Maß an Weltekel.

„Quatsch mit Soße“ sagte Willi, als ich ihm das alles sehr ausführlich erklärt hatte. „Die Leute wollen ein Happy End“.

Wir fuhren wieder heim. Schweigend und gemächlich. Die Sonne verglühte nicht. Meiner Tante habe ich vier Jahre beim Sterben zugesehen.

Später, als sie dann nicht mehr da war, saß Willi oft bei uns auf dem Balkon und schimpfte über seine Jungs. Meine Mutter hörte sich das geduldig an.

„Ich bringe sie um, einen nach dem anderen. Wie kann man nur so viel Mist bauen!“, schrie er, und man hörte seine Stimme in der ganzen Straße. Im Sommer, da blieben die Leute einfach in ihren Gärten sitzen, tranken ihr Bier, grillten ihre Würstle, ermahnten die Kinder nicht aus den Apfelbäumen zu plumpsen, und über allem, Willis Stimme, die ins gleichgültige Universum hinaus brüllte.

„Wie konnte sie mich mit diesen Plagen allein lassen?“

Meine Mutter hatte selber zwei und sich angewöhnt, gar nicht mehr zu fragen, wer was angestellt hatte, sie schrie einfach alle fünf Jungs an und verteilte Stubenarrest über zwei Haushalte hinweg.

Und ich fragte Onkel Willi, ob er mit mir Rad fahren geht.

Früher reagierten die Jungs auf jede Frau, die nur ein wenig nett zu Willi war, gereizt und abweisend. Jetzt, wo alle drei mit dem Studium fertig und im Leben angekommen sind, mit Frau, Nachwuchs und Hausbau, finden sie es merkwürdig, dass Willi immer noch allein ist.

„Ich will das doch alles gar nicht“, sagte Onkel Willi kopfschüttelnd zu mir, an dem Abend als die Jungs Kai-Uwe brachten.

„Aber jetzt ist er da und braucht ein Zuhause“, sagte ich.

Also gingen wir Gassi. Willi nahm die Futterschüssel und die Wasserschale mit, ganz so als wäre Kai-Uwe ein quengelndes Kleinkind, das man bei einem Spaziergang bei Laune halten musste. Futter und Wasser waren schnell verschüttet, und Onkel Willi aus der Puste.

„Mach dir mal keine Sorgen wegen der Weiber“, japste ich am Schluss. „Du hast gar keine Zeit jemanden kennen zu lernen, so wie du rennst.“

Ach so, das Happy End.

Ich habe mit Kai-Uwe heimlich geübt. Er rennt jetzt locker und sehr brav neben dem Fahrrad her. Wenn ich Onkel Willi diese Nachricht eröffne, an Kai Uwes Geburtstag, bekommt mein Onkel drei Luftballons dazu.

 

© Carolin Hafen

Die Modernisierung meiner Mutter

Bov BjergWenn ein Buch mit den Worten beginnt „Schinkennudeln waren immer mein Lieblingsessen, aber einmal habe ich davon gekotzt.“, dann weiß man eigentlich schon, dass der Rest großartig wird. „Die Modernisierung meiner Mutter“ ist eine Kurzgeschichtensammlung. Das Ganze hat wenig mit „Auerhaus“ zu tun, kann man aber genauso gut lesen. Mindestens. Ich mag diesen leichten, natürlichen Erzählstil. Da wird mir nichts aufgezwungen, ich schlendere ganz gemütlich durch das Universum des Ich-Erzählers.

Das gefällt mir besonders gut: Ich plumpse nicht in eine Geschichte hinein, und muss mich fünf Seiten später neu orientieren. Kurzgeschichten, wie Fotos aneinander gereiht. Eigentlich nicht zusammen gehörend und doch am Schluss: Ein Leben.

Ganz erstaunlich. Jede Seite ist ein kleiner Mikrokosmos, die Geschichten wechseln im Tempo, in der Länge, manche sind nur drei Zeilen lang. Es kommt mir vor, als hätte ich an einem gemütlichen Sonntagnachmittag das Familienalbum eines guten Freundes angeschaut. Alles ist ganz vertraut, und doch entdeckt man überall noch etwas und noch etwas.

There is Waldo! 

 

Keller aufräumen. Das heißt: endgültig sesshaft werden  

Der Ich-Erzähler berichtet davon, wie er von Schinkennudeln kotzen musste, wie es kam, dass im Dorf eine Druckkopfampel aufgestellt wurde, wie aus dem Bomben-Klaus ein Kopfschuß-Klaus wurde, oder wie seine Mutter den Führerschein machte. Ich habe ein paar mal herzlich gelacht und mich wieder erkannt: Die Erforschung des Paternosters wäre mir auch ein dringendes Bedürfnis. Bov Bjerg zu lesen ist so einfach wie einen Bildband anzuschauen. Und diese Leichtigkeit haben nicht viele deutschsprachige Autoren. Ich hätte gern mehr davon.

 

 

  • Bov Bjerg
  • Aufbau Verlag
  • ISBN 978-3-351-05033-7
  • 16€

Drei Luftballons

 

Am Freitag haben wir Shorties unsere letzte Lesung vor der Sommerpause veranstaltet. Wie das war, kann man hier [Stuttgarter Zeitung] nachlesen. Jetzt war es mir noch ein Bedürfnis meinen letzten Text, den ich für diese Lese-Tour geschrieben habe, zu vertonen. Weil, im September starten wir mit neuen Terminen und neuen Texten durch. Aber jetzt freue ich mich auf den Urlaub, aufs durchatmen, lesen, Kopf lüften, Ideen & Wörter tanken. Das wird super.

~Caro

Armer Richard

Passend zur EM habe ich „Armer Richard“ eingelesen. Eine Art Fußball-Geschichte. 😉

Ein Auszug aus dem Erzählband „Werd´endlich erwachsen„.

By the way; wir shorties lesen am Freitag, den 8 Juli 2016 in Heilbronn im Botanischen Obstarten. 19 Uhr.

~Caro