Leben und all das.

Termine im Juni

Get shorties Schreibbude!

Am Samstag hauen wir Shorties wieder in die Tasten. Jeder Text ist ein Unikat, ein Original. Wir schreiben auf unseren Schreibmaschinen, ohne Durchschlagpapier. Deinen Text gibt es nur ein Mal, nur für dich. Komm vorbei, bestell´ bei uns einen Text und hol dir deine persönliche Mini-Geschichte eine halbe Stunde später ab.

17. Juni 2017 // 13 bis 16 Uhr // Vor der Stadtbibliothek Stuttgart // Mailänderplatz 1

 

Wunschwörter: Schaf, Stadtbibliothek, Kassette und Hagen

 

Weiter gehts dann auf der Inselspitze Heilbronn!

Samstag, der 17. Juni 2017 ab 19.30 Uhr

Die kabarettistisch-literarische Lesebühnenshow kommt jetzt wieder regelmäßiger nach Heilbronn und das mit dem Kopperationspartner BuGa 2019, die dafür sorgen, dass in der Galerie auf der Inselspitze Kultur vom Feinsten geboten wird. Da war der Weg zu uns nicht weit. Das heißt Kurzgeschichten und live Musik von lokalen Bands bestens vereint!

Ort: Inselspitze an der Neckarbrücke / Heilbronn
Kulturbeitrag: Spende!

 

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London – The Goat

© Carolin Hafen – Theatre Royal Haymarket

Tag 1

 

Theaterstück: The Goat – Or who is Sylvia?

Autor: Edward Albee

Personen: Martin, 50, Architekt

Seine Frau Steve, sein Sohn Billy, der beste Freund Ross.

(Damian Lewis / Sophie Okonedo/ Archie Madekewe / Jason Huges)

 

© Carolin Hafen – Poster Damian Lewis

Achtung; Spoiler

Das Theaterstück „The Goat“ war der eigentliche Grund für meinen London-Urlaub. Ich mag das ja, das Theater an sich. Eine Geschichte erleben, nicht nur ansehen. Wenn dir vor Aufregung das Herz in den Ohren pumpt, dann ist es richtig. Ich habe im Oktober letzten Jahres die Karten dafür gekauft und den Rest drum herum geplant. Wenn ich mitkriege, dass Damian Lewis wieder auf einer Bühne steht, muss ich hin und mir das ansehen. (So geschehen mit „The Misanthrope“ und „American Buffalo“.) Ich habe dieses Mal sogar noch eine tolle Bekanntschaft gemacht und einen Beitrag für den Blog „Fan Fun with Damian Lewis“ geschrieben. Der Beitrag geht in zwei Wochen online, ich verlinke das dann. Aber ich möchte noch gesondert von dem Theaterstück berichten.

Ich las das Stück im Vorfeld, um schon vorher zu wissen worum es geht. Meine Englisch-Kenntnisse halte ich für Okay, nicht herausragend, aber okay. Das Problem: Meiner Erfahrung nach sind die Dialoge in einem Theaterstück wahnsinnig schnell. Auf der Bühne erzählte Geschichten haben ein anderes Tempo als Filme und Serien. (Ausnahmen bestätigen die Regel. Zum Beispiel „Warten auf Godot“) Und wenn Gespräche ein bestimmtes Tempo haben, komm´ ich nicht mehr mit. Ich wollte das Stück auf Deutsch kaufen, scheiterte aber kläglich. Eine englische Ausgabe des Buches wäre zu spät bei mir angekommen, also musste das eBook her. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass meine Kindle-App zwei tolle Dinge anbietet: Wenn ich ein Wort nicht kenne, kann ich mir die Übersetzung durch antippen, anzeigen lassen. Das begeistert mich sehr, weil es schnell und unkompliziert geht. Und dann stieß ich auf das Wort „Eumenide“ und konnte mir sogar Bedeutung und Synonyme anzeigen lassen. Geilo. Schöne neue Welt. Du siehst, ich lese selten eBooks, noch seltener fremdsprachige Bücher. Aber wenn das so einfach ist, sollte ich das überdenken. Jedenfalls.

Ich wusste worum es geht und konnte mich auf das Schauspiel konzentrieren. Wie erwartet hatten alle vier Darsteller ein irrsinniges Tempo drauf, die Wortgefechte waren ein Sturm an Emotionen. Aber worum geht´s?

© Carolin Hafen

Martin hat Geburtstag, er wird 50. Seine Ehe läuft gut, er war nie untreu, der Sohn ist halbwegs gut geraten, im Job ist er sehr erfolgreich. Alles supi soweit. Und doch ist er unglücklich, einsam, er weiß selber nicht so genau, was ihn umtreibt. Aber er ist schon über den Punkt hinaus, zurück zu können, alles noch mal zu überdenken. Martin hat eine Affäre mit einer Ziege. Ja, richtig gehört. Er fährt mit der Abrissbirne in sein Leben – und sieht ganz erstaunt dabei zu.

In einem Wortwechsel, nebenbei, fast im Scherz gesteht Martin seiner Frau Steve, dass er eine Affäre hat. Mit Sylvia, einer Ziege. Steve nimmt ihn nicht ernst, lacht ihn aus. Dann kommt Ross ins Spiel, der beste Freund. Auch ihm sagt Martin, was mit ihm los ist, und Ross flippt ziemlich aus. Während sich Martin darüber sorgen macht, was das mit seiner Frau, seiner Familie macht, treibt Ross der Gedanke um: Was, wenn das heraus kommt? Ross schreibt einen Brief an Steve (ziemlich feige, wie ich finde) und sagt Steve, was mit Martin los ist. Und dann knallt es natürlich. Steve ist erschüttert, weil ihr klar wird: „Er hat es mir gesagt. Das ist kein Scherz!“ Der Konflikt teilt sich, für mich, in zwei Ebenen. Auf der einen Seite ist da Billy, Martins schwuler Sohn. Martin gibt sich tolerant, stichelt aber immer wieder, es ist klar: So tolerant ist er gar nicht. Nun will er aber Verständnis für seine absurde Situation. Billy hat aber absolut kein Verständnis, und sieht zu wie sein Leben auseinander bricht.

Und dann ist da Steve, die bis zu diesem Punkt ein gutes Leben geführt hat, eine treue Ehefrau war und dachte in Martin einen Partner zu haben, der ihr nie wehtun würde. Sie stellt Martin zur Rede, sie will den Streit austragen, bis zum bitteren Schluss. Mit jedem Geständnis und jedem Detail von Martin, schlägt sie einen Teil ihrer Einrichtung kaputt – sinnbildlich für ihr Seelenleben, ihre Ehe. Es ist klar, es gibt kein Zurück. Man kann Fehler machen im Leben, manchmal kommt man damit durch, es ist möglich zu verzeihen. Die Ziege ist aber ein riesengroßes Nein.

Steve und Martin fechten das aus, schreien und gehen sich an die Gurgel, es kann nicht sein, es darf nicht sein. Doch Martin findet nicht, dass er etwas Falsches getan hat, nichts wofür er sich schlecht fühlen müsste. Sich zu Schämen fällt ihm gar nicht ein. Er ist überzeugt: Sylvia liebt ihn. Die ganze Situation ist völlig absurd, unfreiwillig komisch. Und während sie streiten, Steve und Martin, sieht man deutlich: Sie waren und sind eigentlich immer noch ein gutes Team. Immer wieder scheint durch, die letzten 22 Jahre waren keine Lüge, ihre Ehe war echt, sie war gut. Und trotzdem fehlt Martin etwas, dass er bei Sylvia findet.

Am Schluss rennt Steve davon, aber der Streit geht weiter, mit Billy und Ross. Martin bezeichnet seinen Freund als Judas, weil der ihn verraten hat. (Dabei hat er die Affäre ja selbst schon gestanden, es wäre so oder so heraus gekommen.) Und Billy erklärt seinem Vater, dass ihm klar ist, was für ein gutes Leben er hatte, wie viel Glück mit seinen Eltern, die er liebt. Wirklich liebt. Und dann wird es wieder absurd, weil auch Billy einen Fehler begeht. Ohne Zeugen wäre es keine große Sache, nichts, das Konsequenzen hat: Billy küsst seinen Vater. Doch Ross sieht es. „Seit ihr eigentlich alle völlig verrückt?“

Nein, eigentlich nicht. Billy rechtfertigt sich (was Martin die ganze Zeit über nicht getan hat.) Billy sagt, er sei verwirrt, er ist 17 und denkt nur an Sex. Er würde mit jedem schlafen wollen, egal wer. Das schließt seinen Vater mit ein. Er tut es natürlich nicht (Sie tun es nicht miteinander), aber wollen würde er schon. Ross ist völlig von der Rolle. Martin hat Verständnis für seinen Sohn.

„This Boy loves me. I hurt him, but he still loves me.”

Hätte Ross sie nicht gesehen, sie würden auseinander gehen, nichts passiert, vergiss es. Es hat keine Konsequenzen. Wie gesagt, für Ross ist das Schlimmste „Was, wenn das raus kommt? Denk an dein Image!“ Martin ist mit der Frage beschäftigt „Wieso versteht mich keiner?“

Und in dieses Chaos hinein kommt Steve zurück. Sie hat die Ziege getötet.

„Du hast gesagt, dass sie dich liebt, gleichwertig, wie ich. Also musste sie weg.“

Vorhang zu. Es steht jetzt jedem offen, sich Gedanken zu machen. Ob diese Tat die Tür geöffnet hat, für ein Zurück – oder eben nicht. Martin hat Steve zerstört. Sie sagte „Wenn du mich zerstörst, nehme ich dich mit.“ Quasi Auge um Auge. Nun sind sie quitt!?

 

 

Es war der Wahnsinn. Klug, unfreiwillig komisch. Provokant und großartig. Intense.

 

Autogramm Damian Lewis

Durch den Seitenausgang landete ich direkt vor der Stage Door. Es waren nur wenig Leute da. Vielleicht zehn. Ich finde das nicht viel, und hätte mehr erwartet. Ich ergatterte ein Autogramm von den Darstellern (Sophie Okonedo ist blitzschnell weg, ihre Unterschrift fehlt leider in meinem Booklet). Und dann stand er da, mein Lieblingsschauspieler, der schon seit 14 Jahren Teil meines Lebens ist. Er weiß es nur nicht.

Wie ein Groupie dazustehen, einen Fremden um seine Unterschrift und ein Foto zu bitten, ist sehr absurd, surreal irgendwie. Ich fragte mich kurz, was ich hier eigentlich mache. Ich hatte nicht viel Zeit nachzudenken, stand plötzlich neben ihm blitzdings und das Foto ist fertig, doch mein Verstand war weg. Ich weiß gar nicht genau passiert ist, aber dem Foto sieht man meine Verwirrung an, während er wie immer tippi-top aussieht. Profi eben. Ich atmete kurz durch, schaute, was die anderen machten. Unterschrift, Foto, nächster. Einer stach (für mich) heraus. Muttersprachler, das ist wohl der Trick.

Da war ein Typ, auch Brite, charmant bis unter die Schuhsohlen. Sinngemäß sagte er zu Damian, dass seine Frau ein großer Fan von ihm sei, was für ihn unheimlich schwer auszuhalten ist. Und ob er nicht ein Foto kriegen könnte, für den Erhalt seiner Ehe, und ob es den wirklich sein müsse, dass er so ein toller Typ ist. Ob er wenigstens Schnarchen würde, oder irgendeinen Makel hätte… Es war unheimlich lustig wie die zwei Männer sich unterhalten haben, während sie da stand und ihn anhimmelte.

 

© Carolin Hafen – mit Damian Lewis. Yay!

Damian Lewis wirkt auf mich, wie jemand, der die ganze Sache mit dem Ruhm nicht zu ernst nimmt. Down to earth, schätze ich. Weil berühmt sein, ist wie reich sein bei Monopoly. Das Spiel funktioniert nur mit der richtigen Währung. Zuhause angekommen fragt mich ein Kollege, der mein DL-Foto auf Facebook gesehen hat: „Wer ist denn der Typ da?“

Ich antworte: „Damian Lewis.“

Er: „Muss man den kennen?“

„Band of Brothers? Homeland? Billions?“, frage ich zurück.

Er zuckt die Schultern. „Du siehst sehr glücklich aus.“

Damit war das Thema erledigt.

 

Damian Lewis schreibt Autogramme

 

 

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London – Sky Gardens

Tag 1

 

© cmh_Sky Gardens

 

Es gibt einige Plätze in London, die eine tolle Aussicht bieten. Breathtaking, würde der Engländer sagen. Und ich mag es den Überblick zu haben, so wie ich es mag Dinge zu durchschauen. Da spielt ein gewisses Maß an Arroganz mit, Überheblichkeit steckt auch in dem Kuchen drin, aber vor allem: Den Überblick haben. Ich mag die Weite des Himmels, das Erkennen von Details, wie manches ganz klein wird in der Ferne, weniger beängstigend und gleichzeitig wie die Größe der Welt mich still werden lässt, in meiner kleinen Bedeutungslosigkeit. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Manchmal rückt mir das den Blick zurecht, wenn ich mich zu wichtig nehme. Ich mag Leuchttürme und hohe Gebäude, ich mag Hügel mit Aussichtspunkten ins Tal, ich mag Seilbahnen und wenn mein Magen robuster wäre, würde ich sogar das Fliegen mögen. Und weil das alles so ist, habe ich schon zwei Runden mit dem London Eye gedreht, war auf dem Primrose Hill und habe mich nicht eingekriegt vor Glück angesichts der Skyline meiner Lieblingsstadt. Ich war auch auf dem Parliament Hill, aber dazu später mehr. (Siehe Hampstead Heath).

In Vorbereitung auf meinen London-Trip habe ich mir diverse YouTube Videos angeschaut. Ich liebe es, Leuten dabei zuzuschauen, wie sie durch die Stadt gehen und Fotos ihrer Lieblingsplätze machen, wenn sie mir Ecken zeigen, in die sich normalerweise keine Touristen verirren, wenn sie mir vermitteln: Das ist London, so lebt man hier. Und so stieß ich auf ein Video vom Sky Garden. Der höchste öffentliche Park Londons. Da musste ich hin!

Auf der Webseite kann man circa drei Wochen im Voraus seinen Besuch planen. Datum und Time Slot auswählen und los geht´s. Die Party ist kostenlos. London ist die teuerste Stadt der Welt und ich bin Schwabe, wenn das kein schlagendes Argument ist! Ich habe mir 13.30 Uhr ausgesucht, in der Schlange am Eingang darf man sich maximal 15 Minuten vorher anstellen. Ich war natürlich zu früh, und dachte ich müsste zeitig da sein um die Wartezeit mit einzuplanen, damit 13.30 Uhr auch klappt. So nutzte ich die Zeit um einmal um den Block zu laufen, das tolle Wetter zu genießen, Touristen und Londoner gleichermaßen anzuglotzen. Die kann man gut voneinander unterscheiden: Die Londoner haben prinzipiell weniger an, weil Sonne. 😉 Es hat jede Menge Geschäfte drum herum, viele saßen auf dem Mäuerchen vor dem Gebäude und aßen ihr Mittagessen aus Plastik-Schalen mit Plastik-Besteck. Auch etwas, das mir aufgefallen ist: Der Müll, der tagtäglich in Massen produziert wird. Klar, die Leute haben Hunger, die fahren nicht extra heim, und ich nehme an die wenigsten Bürogebäude verfügen über eine Küche oder Kantine. So sitzen sie draussen in der Sonne, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, mit einem Kaffeebecher neben sich, und dem vielfältigen Angebot von EAT in der Hand. Lecker ist das, aber nicht besonders umweltfreundlich.

© Carolin Hafen – 1 Sky Garden Walk

Der Sky Garden wird sehr gut organisiert. Dank der Time Slots befinden sich in etwa immer gleich viel Leute im Gebäude und man tritt sich nicht gegenseitig auf die Füße, weil so viel los ist. Meine Wartezeit betrug dann exakt 15 Minuten. Natürlich musste ich erst an der Sicherheitskontrolle vorbei. Inhalt des Rucksacks zeigen und durch den Metalldetektor. Es gab noch eine kleine Diskussion wegen meinen Schweizer Taschenmesser, dass ich immer in der Hosentasche habe. (Ein recht´s Mädle hot immr a Messr im Sack. – O-Ton des Vaters.) Ich durfte trotzdem und mit dem Mini-Taschenmesser hoch in den 35. Stock. Die Aussicht ist, ja wirklich: Breathtaking. Man kann das Gebäude an sich ja hässlich finden, aber ist man erst oben, wird das sehr nebensächlich. Es gibt eine Aussenterrasse, der Wind pfeift einem um die Ohren, während man Fotos macht und es ist herrlich. Im Vorfeld hatte ich mich gefragt, ob man einen 360° Blick hat, oder „nur“ die eine Aussicht zur Themse hin. Also ja, man kann einmal komplett die Runde machen, London in alle Himmelsrichtungen fotografieren, an den Scheiben stehen Hinweise, welches Gebäude wo zu sehen ist. Die Palmen, der ganze Garten vermitteln tropische Gefühle und ich dachte sehnsüchtig „Hier, in einem dieser Restaurants hätte ich gern mal ein Date mit jemandem, der mir Herzklopfen verursacht.“

 

© Carolin Hafen – Aussichtspunkt

 

 

Die beste Freundin organisierte uns derweil Getränke, und einen Sitzplatz neben der Bar fanden wir auch. Keine Reservierung nötig. Rundum hat es Tische, aber auch Sofas und richtige Chill-out-Ecken zum rum lümmeln. Ich könnte hier prima lümmeln, mit einem Buch, einer Cola und viel Zeit. Das hätte viel Schönes. Wie gesagt, es war nicht völlig überfüllt, und die kleinen „Hotspots“ zum Fotos machen laden zum Small Talk ein. Ich weiß nicht, für wie viele Menschen ich das Fotografieren übernommen habe. (Ich mache das sehr gerne!). Ständig drückte mir jemand eine Kamera oder ein Handy in die Hand: „Machst du bitte ein Bild?“

Klar! Amerikaner, Deutsche, Chinesen. Alles dabei. Irgendwem habe ich dann meine Kamera in die Hand gedrückt, einer Chinesin bin ich in ihre Aufnahme (vermutlich YouTube-Reiseblog) reingeplatzt. Wir haben gekichert. Alles sehr entspannt, ein bisschen Small Talk hier und da. Die Getränke waren bezahlbar und der Mittag viel zu schnell um.

Wenn du nach London kommst, schau´s dir an, es lohnt sich.

 

 

Linkliste: 

London hat viele Gesichter

© Carolin Hafen – View from Sky Gardens

 

Ich war im Urlaub. In London. Das ist mein „happy place“ – ich liebe es hier zu sein, könnte mir sogar vorstellen, hier zu leben. Eine Weile zumindest. Aber jedes Mal, wenn ich ankomme, mache ich den gleichen Kulturschock durch: Der Lärm, der Mief. Ich vergesse das jedes Mal wieder, und dann komme ich an und merke: Boah, ist das laut. Die Menschen, die U-Bahn, die Sirenen, das Stimmengewirr. Ich bin eine kleine Dorfpflanze, zuhause in meiner Straße hört man Nachts sogar die Läuse pupsen, so leise ist es. Aber hier? Meine Gedanken werden übertönt, bis ich mich dran gewöhnt habe. Bis ich aus dem Lärm-Gemisch meine Stimme wieder heraus hören kann dauert es mindestens einen Tag. Der Geruch macht mich auch fertig. Es sollte verboten werden in der Bahn zu essen. Jedenfalls.

Die Temeraturen. Wir hatten 27°, sensationelles Wetter. Der Regen ist nicht der Rede wert, dieses Mal. Die Londoner machen sich bei jeder Gelegenheit nackig. 18° sind schon ein guter Grund für ein Sommerkleid. Da habe ich noch die Winterjacke an. Ich staune und schaue und freue mich. London ist bunt, alle Hautfarben, auch alle Gewichtsklassen, Religionen, Kulturkreise. Kulinarisch bleiben keine Wünsche offen.

Die Freundlichkeit. Ich höre dauernd „Sorry“ und „Excuse me“ – wildfremde Menschen bieten mir Hilfe an. May I help you? Offensichtlich sehe ich oft so aus, als hätte ich sie nötig und nehme sie dankbar an. Ich buffe versehentlich Leute mit meinem Rucksack an, entschuldige mich. Im Urlaub bin auch ich höflicher als Zuhause und dann wundere ich mich, dass mich keiner anmault wie in Deutschland: „Pass doch auf du dumme Nuss!“ Nein, die Angebufften entschuldigen sich bei mir, man schaut sich kurz an, einvernehmlich, nichts passiert. Und geht seiner Wege. So kann das laufen, ohne Aggressivität, Beschimpfung und wilde Gesten.

Mir war unwohl an bestimmten Plätzen. Ich sagte zu meiner Begleitung: „Ich habe ein komisches Gefühl in der Magengegend.“ Zum ersten Mal. Ich war schon oft in London unterwegs, habe mich immer sicher gefühlt, gut aufgehoben, am richtigen Platz. Und nun sehe ich Polizisten in voller Montur mit Maschinengewehren. Große Waffen, ich kenne mich nicht aus, aber ich will mich nicht an diesen Anblick gewöhnen, es fühlt sich falsch an und suggeriert eine Sicherheit, die niemand gewährleisten kann. Ich sehe viel, in den vier Tagen. Eine Gruppe Veteranen, 25 Männer, ich habe durchgezählt. Alle mit Arm- und/oder Beinprothesen. Sie tragen Sportkleidung, eine Nummer auf dem Rücken und was tun sie? Marschieren fröhlich in den nächsten Pub. Offensichtlich haben sie gewonnen, gesiegt, was weiß ich. Die Stimmung ist ausgelassen, und ich Dorfpflanze schaue und schaue. So ist das also. Das Leben geht weiter.

Am selben Tag: Ein Zug steht an einer U-Bahn-Station und ist „Out of Service“. Polizisten mit Hund durchsuchen den Zug, von vorne bis hinten. Ich denke: Nichts wie weg. All das ist London. Und das Leben geht weiter. Ich bin inzwischen wieder gesund und am Stück zuhause. Ich habe die Nachrichten gesehen, Samstagabend, den Sonntag über. Mir war schlecht. Letzte Woche bin ich da noch herum marschiert, habe überlegt, ob ich zum Borough Market soll: Leckere Pies essen?

Auch das ist London. Ich laufe durch die Straßen, meine Hände in den Hosentaschen, Sonnenbrand im Gesicht. Eine interessante Mischung aus Rot und Braun und Hautausschlag. (Lange Geschichte) Es ist mir egal. An der linken Fußsohle macht sich eine Blase bemerkbar, auf die bin ich stolz, die habe ich mir erarbeitet. In meiner Hosentasche befindet sich mein zerknitterter Tube-Plan, ich brauche ihn nicht, ich finde mich so zurecht. Und dann: Ich sitze auf einer Parkbank in Hampstead Heath, ziehe meine Schuhe aus, trinke eine kalte Cola und stelle mir vor, wie meine Sonntagnachmittage aussehen würden, wenn ich hier leben würde. Genau so, vermutlich. Irgendein Typ läuft an mir vorbei, grinst, hebt den Daumen in Facebook-Manier und sagt:

„Air your feet!“

Ich schaue verwirrt an mir runter. Schließlich sind meine Füße an der frischen Luft.

Und er: „Socks off!“ Als Londoner muss man sich wohl nackig machen. Ich habe die Regeln nicht gemacht. Also ziehe ich die Socken aus, schließlich kann ich mit klaren Anweisungen unheimlich gut.

 

© Carolin Hafen – Hampstead Heath / Parliament Hill

 

Ich habe überlegt, ob es angesichts der Ereignisse und Anschläge und Toten nun pietätlos ist, über meine Reise zu berichten – dir davon zu erzählen. Mir tun diese Menschen leid, ihre Familien und Freunde. Genauso wie die Opfer in Berlin oder Frankreich. An allen Orten, wo verbitterte, hasserfüllte Menschen los gehen und andere töten für … keine Ahnung wofür. Das ist eine andere Diskussion, darum geht es mir nicht, im Augenblick.

Eine Zeitlang dachte ich, wenn irgendwo ein Anschlag passiert, dann darf ich nichts Lustiges bei Twitter schreiben, nichts Belangloses im Blog. Aber gleichzeitig denke ich, dass ein gefärbtes Profilbild bei Facebook nichts ändert, verschickte Kerzen zwar hübsch anzusehen sind, aber es geht ja doch weiter wie bisher. Beten – ja, prima. Wer glaubt, soll das tun. Ich dachte also, ich müsste kurz auf Pause drücken in meinem Leben, weil woanders jemand sein Leben verloren hat. Einfach still sein und es aushalten. Inzwischen, nach vielen Anschlägen, nach vielen Pausen habe ich meine Meinung geändert. Eine Pause ändert auch nichts. Ich fühle mich schlecht und hilflos, so oder so. Ich will auch wieder nach London reisen. Berlin, Paris, rundherum. Die Welt ist groß. Ich war an schönen Orten, und ich will davon erzählen. Ich habe tolle Leute getroffen, „nice to meet you“ gesagt und es gemeint. Auch davon will ich erzählen.

Die Welt macht einen irrsinnigen Lärm, sie riecht nicht besonders gut (woran wir selber schuld sind), aber ich will meine Gedanken trotzdem noch hören können, in diesem Gewirr. Ich will dir erzählen, wie es war. Es ist nicht alles schön, die wenigsten Dinge im Leben glänzen. Das will ich nicht aussparen. Es gehört zur Geschichte dazu.

 

Der Reisebericht kommt. For London with Love!

10 Bücher fürs Verständnis

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Das Bücher-Magazin fragt welche zehn Bücher man dem potenziellen Geliebten empfehlen würde, damit er dich besser versteht.

 

Interessante Frage. Weil, ein Buch dass mich sehr geprägt hat, nicht unbedingt ein Lieblingsbuch ist. Diese Liste unterscheidet sich von meinem Lieblingsbüchern, weil sich Lieblingsbücher wandeln, verändern. Bücher, die mich geprägt haben, weil ich sie als Kind oder Jugendliche gelesen habe, ändern sich nicht. Auf einer Liste mit Lieblingsbüchern wäre, als Beispiel „Auerhaus“ oder „Das ist also mein Leben“ von Stephen Chbosky. Beides habe ich aber mit über 30 gelesen, die prägen nicht mehr so sehr wie „Emil und die Detektive“ der mir als Kind beigebracht hat, Kinder sind, wenn sie zusammen halten, stärker als Erwachsene. Und diese Lektion währt heute noch. Also hier der Versuch, dem Caro-Code auf die Spur zu kommen.
10 Bücher um mich besser zu verstehen:

Harper Lee – Wer die Nachtigall stört
John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag
J. M. Barrie – Peter Pan
Erich Kästner – Emil und die Detektive
Colleen McCullough – Die Dornenvögel
Helene Hanff – 84. Charing Chross Road
Annie Proulx – Schiffsmeldungen
Peter Shaffer – Equus
John Steinbeck – Jenseits von Eden
Terry Pratchett – Gevatter Tod

So, jetzt du!

Poems on the Underground

Mein Körper kribbelt vor Aufregung, mein London-Trip rückt näher. Eben habe ich einen Besuch im Sky Garden gebucht, das ist eine der Gelegenheiten, London von oben zu sehen ohne ein Vermögen dafür zu bezahlen. Jetzt brauche ich nur noch gutes Wetter. Drück mir die Daumen. Ich finde es großartig, dass mir nie die Sehenswürdigkeiten ausgehen. Mit jedem Besuch entdecke ich etwas Neues. Wenn es meine Zeit zuläßt, werde ich auch der Phone Booth Library einen Besuch abstatten, das ist quasi Pflicht.

Apropos Literatur. Immer, wenn ich in London bin, will ich möglichst viel davon in den Koffer packen und mit heim nehmen. Ich kaufe Tassen und Wackel-Bobbys, Feuerzeuge und Postkarten, Harry Potter Bücher auf Englisch und T-Shirts, Anhänger und Touristen-Tand. Zuhause haue ich mir fassungslos ans Hirn, und wundere mich darüber für welchen Blödsinn ich Geld ausgegeben habe, aber vor Ort muss das so sein. Grundsätzlich hole ich mir jedes Mal einen Underground-Plan und beim letzten Mal noch das hier;

Poems on the Underground

Poems on the Underground

Ich finde es großartig, dass man in der Tube kostenlos mit Lesestoff versorgt wird, für den Fall, dass das die mitgebrachte Lektüre schlecht ist. (Ich kenne mich nicht aus – findet man etwas vergleichbares in deutschen Großstädten mit Gedichten von Goethe, Schiller und Co?) Jedenfalls. Ich habe die Gedichte mit Genuss gelesen und werde Ausschau halten, ob es ein neues Heft mit Gedichten gibt… derweil lese ich „111 Gründe London zu lieben“. Ich glaube zwar, dass ich genug Gründe habe, diese Stadt zu lieben, aber ein paar mehr schaden ja nicht. Ich stecke irgendwo in der Mitte des Buches und bin ganz begeistert, was es noch alles zu entdecken gibt. Ich mag die Details, Begriffserklärungen, Insiderwissen (wie man ein Pint bestellt – auch etwas, dass ich noch ausprobieren muss, auch wenn ich mir sicher bin, dass mir selbst das englische Bier nicht schmecken wird. Aber egal) und den Umstand, dass der Autor die Stadt, seine Bewohner und die Eigenheiten so liebevoll beschreibt, wie ich davon lesen will. Like.

 

~Caro