Hampstead Heath

London: Hampstead Heath

Tag 3

 

 

Hampstead Heath ist wild und schön. Also wildschön. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber das sicher nicht. Ich mag sie alle, die Parks und Ruheflächen, die grünen Oasen mit den ordentlichen Blumenbeeten und dem getrimmten Rasen. Alles ist britisch, korrekt, wie mit dem Lineal gezogen. Das war mir bisher alles sehr recht, hübsch anzusehen, das gibt tolle Fotos. Und dann entdeckte ich Hampstead Heath. Wildschön.

Ich sage es gleich: Ein Tag reicht nicht, um sich den Park anzusehen, ein halber schon gar nicht. Ich wußte nicht WIE groß der Park ist und habe deshalb nur ein keines Stück, ein Puzzleteil davon gesehen. Das ist gut und das ist schlecht. Ich habe nicht alles gesehen – ich muss da wieder hin, es gibt noch viel zu entdecken. Hier hat es diverse Teiche, Ponds, und wenn man hart genug ist, kann man da schwimmen gehen. Mich friert es beim zusehen, aber ich sehe gern zu.

 

 

 

A. lässt mich machen. Das ist eine ihrer besten Eigenschaften. Ich kenne nur zwei Gangarten. Rennen und Stop. Dazwischen ist nichts, nur verlorener Raum.

Ich finde, eine Stadt muss man erlaufen. Parks ebenso. Das bedeutet, ich renne, schaue aufs Navi, sehe mich um, versuche zu erfassen, was ich da sehe und habe gleichzeitig Scheuklappen auf. Sie ist hinter mir, versucht tapfer mitzuhalten, mit meinem Tempo, meiner Begeisterung, meinem Irrsinn. Sie lässt mich machen. Auch dann, wenn ich falsch abbiege, nicht gleich weiß wohin, zurück und vor und nochmal links. Sie wird nicht ungeduldig mit mir, reagiert nicht genervt und ich denke dann oft: Sie ist ein besserer Mensch als ich. Diese Nachsicht habe ich nicht mit mir.

Und dann; ich renne den Hügel rauf, finde endlich, was ich gesucht habe, mein London-Glück mit Aussicht. Parliament Hill. Ich drehe mich um, sie ist noch da, wischt sich den Schweiß von der Stirn und sagt; Schön hier.

Dann würde ich gern was Nettes sagen, Danke oder Du Gute!, aber ich habe keine Zeit. Eine Parkbank muss her, für ein kleines Stop. Pause.

 

 

Wie gesagt, ich habe nur einen kleinen Teil gesehen, lief Trampelpfade entlang, wich Matschkuhlen aus, kreuzte den Pferdepfad und wunderte mich: So viele Leute, so viele Hunde, und jeder kommt mit jedem aus!? Zuhause, wenn ich im Wald joggen gehe, treffe ich selten Menschen, die die Notwendigkeit eines erzogenen Hundes angesichts von Joggern und Radfahrern, einsehen. Da ist das Thema immer ein Drama. „Der will doch nur spielen!“ Schwäbische Ignoranz, Kläffer, Wadenbeißer und Meinereiner mit einer kurzen Lunte. Ich werde da schnell wütend.

 

 

Hier: Ich sitze auf einer Parkbank, schlürfe eine Cola, bin zufrieden. Ein Dackel kommt vorsichtig auf mich zu, wir beschnüffeln uns, er leckt an meiner Hand, mein Schuhband interessiert ihn, ich kraule ihn am Ohr. Die Besitzerin kommt auf mich zugestürzt, entschuldigt sich dafür, dass ihr Hund mich belästigt habe – man könnte kurz den Eindruck gewinnen, Oscar hätte mir einen Finger abgebissen. Dabei mögen wir uns, Oscar und ich. Und wir plauschen, die Frau und ich, soweit mein Englisch es zulässt, über Hunde und deren Erziehung, über den Park und wo es das beste Eis gibt. So einfach kann es sein. Schön.

Sie gehen weiter, die Hunderunde beenden. Ich bleibe sitzen, genieße das Stop, auch, weil mir die Füße weh tun. Aber das muss so. Wenn mir die Füße nicht weh tun, habe ich es nicht richtig gemacht, das Entdecken, das rennen. Aber ich werde mit diesem Ausblick belohnt. Hier lässt es sich aushalten.

~Caro

 

Parliament Hill

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London hat viele Gesichter

© Carolin Hafen – View from Sky Gardens

 

Ich war im Urlaub. In London. Das ist mein „happy place“ – ich liebe es hier zu sein, könnte mir sogar vorstellen, hier zu leben. Eine Weile zumindest. Aber jedes Mal, wenn ich ankomme, mache ich den gleichen Kulturschock durch: Der Lärm, der Mief. Ich vergesse das jedes Mal wieder, und dann komme ich an und merke: Boah, ist das laut. Die Menschen, die U-Bahn, die Sirenen, das Stimmengewirr. Ich bin eine kleine Dorfpflanze, zuhause in meiner Straße hört man Nachts sogar die Läuse pupsen, so leise ist es. Aber hier? Meine Gedanken werden übertönt, bis ich mich dran gewöhnt habe. Bis ich aus dem Lärm-Gemisch meine Stimme wieder heraus hören kann dauert es mindestens einen Tag. Der Geruch macht mich auch fertig. Es sollte verboten werden in der Bahn zu essen. Jedenfalls.

Die Temeraturen. Wir hatten 27°, sensationelles Wetter. Der Regen ist nicht der Rede wert, dieses Mal. Die Londoner machen sich bei jeder Gelegenheit nackig. 18° sind schon ein guter Grund für ein Sommerkleid. Da habe ich noch die Winterjacke an. Ich staune und schaue und freue mich. London ist bunt, alle Hautfarben, auch alle Gewichtsklassen, Religionen, Kulturkreise. Kulinarisch bleiben keine Wünsche offen.

Die Freundlichkeit. Ich höre dauernd „Sorry“ und „Excuse me“ – wildfremde Menschen bieten mir Hilfe an. May I help you? Offensichtlich sehe ich oft so aus, als hätte ich sie nötig und nehme sie dankbar an. Ich buffe versehentlich Leute mit meinem Rucksack an, entschuldige mich. Im Urlaub bin auch ich höflicher als Zuhause und dann wundere ich mich, dass mich keiner anmault wie in Deutschland: „Pass doch auf du dumme Nuss!“ Nein, die Angebufften entschuldigen sich bei mir, man schaut sich kurz an, einvernehmlich, nichts passiert. Und geht seiner Wege. So kann das laufen, ohne Aggressivität, Beschimpfung und wilde Gesten.

Mir war unwohl an bestimmten Plätzen. Ich sagte zu meiner Begleitung: „Ich habe ein komisches Gefühl in der Magengegend.“ Zum ersten Mal. Ich war schon oft in London unterwegs, habe mich immer sicher gefühlt, gut aufgehoben, am richtigen Platz. Und nun sehe ich Polizisten in voller Montur mit Maschinengewehren. Große Waffen, ich kenne mich nicht aus, aber ich will mich nicht an diesen Anblick gewöhnen, es fühlt sich falsch an und suggeriert eine Sicherheit, die niemand gewährleisten kann. Ich sehe viel, in den vier Tagen. Eine Gruppe Veteranen, 25 Männer, ich habe durchgezählt. Alle mit Arm- und/oder Beinprothesen. Sie tragen Sportkleidung, eine Nummer auf dem Rücken und was tun sie? Marschieren fröhlich in den nächsten Pub. Offensichtlich haben sie gewonnen, gesiegt, was weiß ich. Die Stimmung ist ausgelassen, und ich Dorfpflanze schaue und schaue. So ist das also. Das Leben geht weiter.

Am selben Tag: Ein Zug steht an einer U-Bahn-Station und ist „Out of Service“. Polizisten mit Hund durchsuchen den Zug, von vorne bis hinten. Ich denke: Nichts wie weg. All das ist London. Und das Leben geht weiter. Ich bin inzwischen wieder gesund und am Stück zuhause. Ich habe die Nachrichten gesehen, Samstagabend, den Sonntag über. Mir war schlecht. Letzte Woche bin ich da noch herum marschiert, habe überlegt, ob ich zum Borough Market soll: Leckere Pies essen?

Auch das ist London. Ich laufe durch die Straßen, meine Hände in den Hosentaschen, Sonnenbrand im Gesicht. Eine interessante Mischung aus Rot und Braun und Hautausschlag. (Lange Geschichte) Es ist mir egal. An der linken Fußsohle macht sich eine Blase bemerkbar, auf die bin ich stolz, die habe ich mir erarbeitet. In meiner Hosentasche befindet sich mein zerknitterter Tube-Plan, ich brauche ihn nicht, ich finde mich so zurecht. Und dann: Ich sitze auf einer Parkbank in Hampstead Heath, ziehe meine Schuhe aus, trinke eine kalte Cola und stelle mir vor, wie meine Sonntagnachmittage aussehen würden, wenn ich hier leben würde. Genau so, vermutlich. Irgendein Typ läuft an mir vorbei, grinst, hebt den Daumen in Facebook-Manier und sagt:

„Air your feet!“

Ich schaue verwirrt an mir runter. Schließlich sind meine Füße an der frischen Luft.

Und er: „Socks off!“ Als Londoner muss man sich wohl nackig machen. Ich habe die Regeln nicht gemacht. Also ziehe ich die Socken aus, schließlich kann ich mit klaren Anweisungen unheimlich gut.

 

© Carolin Hafen – Hampstead Heath / Parliament Hill

 

Ich habe überlegt, ob es angesichts der Ereignisse und Anschläge und Toten nun pietätlos ist, über meine Reise zu berichten – dir davon zu erzählen. Mir tun diese Menschen leid, ihre Familien und Freunde. Genauso wie die Opfer in Berlin oder Frankreich. An allen Orten, wo verbitterte, hasserfüllte Menschen los gehen und andere töten für … keine Ahnung wofür. Das ist eine andere Diskussion, darum geht es mir nicht, im Augenblick.

Eine Zeitlang dachte ich, wenn irgendwo ein Anschlag passiert, dann darf ich nichts Lustiges bei Twitter schreiben, nichts Belangloses im Blog. Aber gleichzeitig denke ich, dass ein gefärbtes Profilbild bei Facebook nichts ändert, verschickte Kerzen zwar hübsch anzusehen sind, aber es geht ja doch weiter wie bisher. Beten – ja, prima. Wer glaubt, soll das tun. Ich dachte also, ich müsste kurz auf Pause drücken in meinem Leben, weil woanders jemand sein Leben verloren hat. Einfach still sein und es aushalten. Inzwischen, nach vielen Anschlägen, nach vielen Pausen habe ich meine Meinung geändert. Eine Pause ändert auch nichts. Ich fühle mich schlecht und hilflos, so oder so. Ich will auch wieder nach London reisen. Berlin, Paris, rundherum. Die Welt ist groß. Ich war an schönen Orten, und ich will davon erzählen. Ich habe tolle Leute getroffen, „nice to meet you“ gesagt und es gemeint. Auch davon will ich erzählen.

Die Welt macht einen irrsinnigen Lärm, sie riecht nicht besonders gut (woran wir selber schuld sind), aber ich will meine Gedanken trotzdem noch hören können, in diesem Gewirr. Ich will dir erzählen, wie es war. Es ist nicht alles schön, die wenigsten Dinge im Leben glänzen. Das will ich nicht aussparen. Es gehört zur Geschichte dazu.

 

Der Reisebericht kommt. For London with Love!