London

London: Hampstead Heath

Tag 3

 

 

Hampstead Heath ist wild und schön. Also wildschön. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber das sicher nicht. Ich mag sie alle, die Parks und Ruheflächen, die grünen Oasen mit den ordentlichen Blumenbeeten und dem getrimmten Rasen. Alles ist britisch, korrekt, wie mit dem Lineal gezogen. Das war mir bisher alles sehr recht, hübsch anzusehen, das gibt tolle Fotos. Und dann entdeckte ich Hampstead Heath. Wildschön.

Ich sage es gleich: Ein Tag reicht nicht, um sich den Park anzusehen, ein halber schon gar nicht. Ich wußte nicht WIE groß der Park ist und habe deshalb nur ein keines Stück, ein Puzzleteil davon gesehen. Das ist gut und das ist schlecht. Ich habe nicht alles gesehen – ich muss da wieder hin, es gibt noch viel zu entdecken. Hier hat es diverse Teiche, Ponds, und wenn man hart genug ist, kann man da schwimmen gehen. Mich friert es beim zusehen, aber ich sehe gern zu.

 

 

 

A. lässt mich machen. Das ist eine ihrer besten Eigenschaften. Ich kenne nur zwei Gangarten. Rennen und Stop. Dazwischen ist nichts, nur verlorener Raum.

Ich finde, eine Stadt muss man erlaufen. Parks ebenso. Das bedeutet, ich renne, schaue aufs Navi, sehe mich um, versuche zu erfassen, was ich da sehe und habe gleichzeitig Scheuklappen auf. Sie ist hinter mir, versucht tapfer mitzuhalten, mit meinem Tempo, meiner Begeisterung, meinem Irrsinn. Sie lässt mich machen. Auch dann, wenn ich falsch abbiege, nicht gleich weiß wohin, zurück und vor und nochmal links. Sie wird nicht ungeduldig mit mir, reagiert nicht genervt und ich denke dann oft: Sie ist ein besserer Mensch als ich. Diese Nachsicht habe ich nicht mit mir.

Und dann; ich renne den Hügel rauf, finde endlich, was ich gesucht habe, mein London-Glück mit Aussicht. Parliament Hill. Ich drehe mich um, sie ist noch da, wischt sich den Schweiß von der Stirn und sagt; Schön hier.

Dann würde ich gern was Nettes sagen, Danke oder Du Gute!, aber ich habe keine Zeit. Eine Parkbank muss her, für ein kleines Stop. Pause.

 

 

Wie gesagt, ich habe nur einen kleinen Teil gesehen, lief Trampelpfade entlang, wich Matschkuhlen aus, kreuzte den Pferdepfad und wunderte mich: So viele Leute, so viele Hunde, und jeder kommt mit jedem aus!? Zuhause, wenn ich im Wald joggen gehe, treffe ich selten Menschen, die die Notwendigkeit eines erzogenen Hundes angesichts von Joggern und Radfahrern, einsehen. Da ist das Thema immer ein Drama. „Der will doch nur spielen!“ Schwäbische Ignoranz, Kläffer, Wadenbeißer und Meinereiner mit einer kurzen Lunte. Ich werde da schnell wütend.

 

 

Hier: Ich sitze auf einer Parkbank, schlürfe eine Cola, bin zufrieden. Ein Dackel kommt vorsichtig auf mich zu, wir beschnüffeln uns, er leckt an meiner Hand, mein Schuhband interessiert ihn, ich kraule ihn am Ohr. Die Besitzerin kommt auf mich zugestürzt, entschuldigt sich dafür, dass ihr Hund mich belästigt habe – man könnte kurz den Eindruck gewinnen, Oscar hätte mir einen Finger abgebissen. Dabei mögen wir uns, Oscar und ich. Und wir plauschen, die Frau und ich, soweit mein Englisch es zulässt, über Hunde und deren Erziehung, über den Park und wo es das beste Eis gibt. So einfach kann es sein. Schön.

Sie gehen weiter, die Hunderunde beenden. Ich bleibe sitzen, genieße das Stop, auch, weil mir die Füße weh tun. Aber das muss so. Wenn mir die Füße nicht weh tun, habe ich es nicht richtig gemacht, das Entdecken, das rennen. Aber ich werde mit diesem Ausblick belohnt. Hier lässt es sich aushalten.

~Caro

 

Parliament Hill

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Freitagsfoto: Zimmer mit Aussicht

 

Die Aussicht ist der Hammer, da sind wir uns wohl einig. Aber im Moment würde ich viel dafür geben, mit geräuschreduzierenden Kopfhörern still dort zu sitzen. Damit wir uns richtig verstehen – auf einem der Sofas gemütlich lümmeln – um den Nachmittag lesend zu verbringen. Träumen darf man ja.

Statt dessen sitze ich heute Abend im Lapidarium und lese den Stuttgartern vor. Auch schön. Wirklich!

c.

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London: Phone Booth Library

Tag 2

In London gibt es eine „Phone Booth Library“. Als ich das erfuhr, wusste ich: Da muss ich hin. Weil, öffentliche Bücherschränke sind ja an sich schon eine tolle Aktion. Das ist nachhaltig, pflegt die Gemeinschaft und Menschen kommen an Bücher, die sie bei Amazon nie finden würden, schlicht, weil sie nicht danach gesucht haben. Das ist, in meinen Augen, das beste an Buchhandlungen, Flohmärkten, Bücherkisten und öffentlichen Bücherschränken: Man findet, was man braucht, aber nicht gesucht hat. Man entdeckt Bücher, Schätze, Neues. Google und co. finden immer nur das, was man schon kennt. Die Ergebnisse decken sich mit dem Horizont, den man schon hat.

Die Regeln eines Bücherschranks sind denkbar einfach. Stell eins rein, nimm eins mit. Es ist also keine Leihbücherei im eigentlichen Sinne – wobei, wenn man die Bücher, nachdem man sie ausgelesen hat, wirklich zurück stellt, ist es eine Mini-Bücherei. Ich habe mich jedenfalls an die Regeln gehalten, meine englische Ausgabe von Harry Potter rein gestellt und dafür einen Krimi raus genommen. Aber der Reihe nach.

Ich war 1999 das erste Mal in London, als Schüler: Abschlussfahrt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich damals noch keine Oystercard hatte, die habe ich erst bei meinem nächsten Besuch gekauft. Tatsache ist aber, dass ich nun seit 15 Jahren mit der gleichen Karte durch die Stadt fahre und dieses Mal habe ich die Karte zum Glühen gebracht. Ich wollte nicht im Zentrum, in der City herum springen, aus Gründen, die ich in den vorherigen Berichten schon aufgeführt habe. Von der Emirate Air Line zur Phone Booth Library ist es nicht weit, und wenn man mit der Overground fährt, sieht man auch was vom Städtle. Ich mag das, sobald ich die Touristen-Hotspots verlasse bekomme ich ein Gefühl von So-lebt-man-hier. Es ist also gleich viel weniger laut, die Gehsteige sind nicht rappelvoll und mich packt dauernd die Neugier: Wie sieht es da drinnen aus, in den Reihenhäusern? Ich sehe Kinder in ihren Schuluniformen, andere Leute machen Sport im Park, führen den Hund aus oder trauen sich mit dem Rad in diesen irrsinnigen Straßenverkehr. Typischer Alltag eben.

 

Wenn ich ich trauen würde, aber das tue ich leider nicht, auch weil meine Sprachkenntnisse nicht ausreichen, dann würde ich die Leute fragen: Wo arbeitest du und magst du deinen Job? Gehst du nach der Arbeit ins Pub, stehst auf der Straße mit den anderen, ein Pint in der Hand?

Ich war mit A. noch in der Westminster Abbey, später an dem Tag. Wir unterhielten uns über die Buntglasfenster, weil sie a) wunderschön aussahen und b) Könige und Königinnen darstellten, geschichtliche Ereignisse – eben eine Geschichte erzählten. Wir verstanden nur nicht die Zusammenhänge. In jedem Raum stehen „Guards“ herum, die aufpassen, dass man nicht fotografiert, nichts kaputt macht, nicht seine Popel an Stühle schmiert, nicht zu laut ist, undsoweiter und so fort. Ja, all das habe ich an nur einem Tag gesehen. Menschen *kopfschüttel*

 

 

Jedenfalls. Einer dieser Aufpasser hörte unser Gespräch, verstand so viel Deutsch, dass er meine Ausführungen verstand: Ich erzählte A. davon, dass ich die Serie „Wolf Hall“ gesehen habe und bis dato nicht wusste, wer Thomas Cromwell war, noch wie viel Einfluss er auf Heinrich VIII. hatte. Vor der Abbildung von Heinrich VIII. standen wir gerade und ich vermutete, dass er es ist, war mir aber nicht sicher. Und dann trat dieser ältere Herr an uns heran, fragte ob wir gerne mehr wissen wollen und so erhielten wir eine Privatführung, nur er und wir zwei, die aufgeregt fragten und hierhin und dorthin zeigten und er hatte wirklich Spaß mit uns, sagte „Ihr versteht alles was ich sage, don´t you?“ und wir nickten, und er erzählte weiter, über das englische Königshaus und die Hannoveraner und am Schluss sagte ich „Thank you“ und „Ihnen macht ihr Job wirklich Spaß hier, right?“

Yes, indeed. Und sowas begeistert mich immer. Ein Gespräch entsteht, ganz natürlich, später geht man auseinander, wir wissen, wir sehen uns nie wieder, aber dieser kurze Moment, das waren wir, und es war schön, und ich mag Menschen, die begeistert sind, von dem was sie tun. Ganz grundsätzlich. Und manchmal kann das auch eine Straße, ein Park, eine Landschaft: Mit mir reden, und mir vermitteln. Das sind wir. Und ich bin in diesem Wir mit drin. In dieser Stimmung ging ich zu der Phone Booth Library. Wie überall, das sieht man auch in Deutschland, werden Telefonzellen abgebaut. Jeder hat ein Handy. Man sieht sie noch, die englischen Telefonzellen, aber weniger. Und dann braucht es Leute mit Ideen und Tatendrang, die aus so einer alten Telefonzelle was Neues machen.  Sebastian Handley hat die Telefonzelle für ein Pfund gekauft. Und dann umgebaut und eine Bücherei draus gemacht. Und ich bin, bei schönstem Wetter durch Lewisham getappt, das Navi in der Hand, Schweiß auf der Stirn und voller Vorfreude um mir dieses Werk anzusehen.

Das ist eine Sehenswürdigkeit, für die man eine Oystercard braucht, die in ein paar Minuten erledigt ist, und vermutlich nur echten Book-Nerds Freude bringt. Solchen, wie mir.

 

Link-Liste:

Phone Booth Library Facebook

Lewisham phone box turned in to London´s smallest library

Google Maps

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London – Emirate Air Line

Tag 2

Die Seiten meines Notizbuches, und auch meines Sudelblogs bleiben leer in diesen Tagen, die Grippe hat mich im Griff. Der Rotz im Kopf verhindert (dämpft) meine Gedanken, die Augen tun mir weh, ein müder Schatten liegt auf mir. Aber mehr noch, als die Viren, hat mich eine Verletztheit im Griff, die ich kaum aushalte. Innen und aussen, aufgerieben an der Welt. Ich schwitze nicht, das ist Wundwasser. Der Kopf sagt „Los, weiter!“ und der Körper sagt „Nö, so nicht“ und manchmal weiß der Körper mehr als der Kopf. Ich füge mich dem und betäube mich seit Tagen mit „Prison Break“ um nicht darüber nachdenken zu müssen. Jedenfalls. Nun versuche ich es aber doch, mich zurück zu denken, nach London und ein paar Eindrücke in Worte zu fassen, bevor wieder alles verblasst ist und irgendwann nur noch eine „Es war schön in London“- Antwort ergibt.

Eine Seilbahn ist so viel mehr, als nur eine Gondel, die einen über die Dinge hinweg trägt, von A nach B. Wegen mir hätte die Fahrt in der Mitte eine Pause haben dürfen, um mir einige Minuten der Aussicht zu gewähren – mitten drin, über der Themse. Mit dem Glas um mich herum macht mir die Höhe nichts aus und mir gefällt, was ich sehe. Auch wenn das Themse-Wasser braun dahinfließt (was habe ich anderes erwartet? Türkisblaue Sauberkeit?) und mich irritiert. Der Himmel über mir ist weit, meine Mitfahrer bunt kostümiert für die ComicCon – ich bin diejenige, die in langweiligen Jeans herum läuft und wie ein blöder Tourist aussieht. Auch ein Kostüm, aber keines, das ich gerne trage.

Morgens waren wir noch unterwegs zur Westminster Abbey. Aber kaum, dass ich aus der U-Bahn-Station auf die Straße trat, war mir schon alles zu viel. Zu laut, zu viele Menschen, zu viele Gerüche, zu viele Fremde, die mich anbuffen, beim vorbeigehen. Ich konnte nicht erkennen, wo die Warteschlange zum Eingang der Abbey begann, ich war auch nicht bereit, es heraus zu finden. A. suchte sich (mit Mühe) ein Plätzchen um in Ruhe zu rauchen. Wir sahen uns beide das Spektakel an: Die Autos und Busse, die sich mühselig die Straße entlang mühten, mehr stehend als fahrend. Die Menschen, denen die Fußgängerampel nichts bedeutet, eine irrsinnige Masse.

A. sagte trocken: „Bei aller Liebe, aber in der Hitze stelle ich mich da nicht an!“ Sie nickte zu der wartenden Menge, auf dem Gehweg. Auf der Straße, wütende, hupende Autos. Und Kinderwagen, die in käsige Waden bissen. Ich nickte in eine andere Richtung. „Ich glaube dort geht die Schlange los.“ A. drückte ihre Zigarette aus. „Du hast doch eine Liste. Was steht da noch drauf?“

„Emirate Air Line.“

Wir stiegen wieder in die Bahn. Sie spuckte uns in North Greenwich wieder aus. Weniger Menschen, weniger Lärm. Linker Hand der „Millennium Dome“  und Menschen, die selbigen erklommen. Die kletterten wirklich da oben rum, als Touristenattraktion! Ich schüttelte nur den Kopf. Rechts der Eingang zur „Emirate Air Line“ – der Seilbahn über die Themse. 4,50 Pfund kostet die Party, und dauert nicht lang. Wirklich nicht. Aber das macht nichts. Ich hätte ja mehrfach fahren können. In der Warteschlange standen sie dann alle; Die Manga- und Marvel-Fans. Die Nerds, die Eltern mit Mini-Sturmtrupplern, und junge Mädchen in sehr kurzen Röcken, blau gefärbten Haaren, die schlimm an Individualität leiden. Das verwächst sich irgendwann, dachte ich abgeklärt. Grüppchenweise wurden wir in die Gondeln verteilt, ich lachte mich scheckig. Die Dame die an dem Tag für den reibungslosen Ablauf zuständig war, bemühte sich nach Kräften, nichts zusammen zu führen, was nicht zusammen gehört. Die Star Wars Typen bekamen eine andere Gondel als die Manga-Mädchen. A. und ich landeten bei einem nicht kostümierten Pärchen.

Und so fuhren wir über die Themse, ich mit meiner Kamera, das Pärchen verbrachte die Zeit knutschend. Jeder hat seine Prioritäten.

 

Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Die ComicCon-Menschen strömten davon, in alle Richtungen. Ich dachte, sie müssten ja gleichen Weg haben. Hatten sie aber nicht. Manche brauchten erst Mal ein Eis, andere gingen, kostümiert wie sie waren, ins nächstgelegene Restaurant, zum Brunch, nehme ich an, oder sie setzten sich ans Ufer, auf ein kleines Mäuerchen um sich zu sonnen, so wie ich auch. Da saß ich dann, mit Spiderman und Darth Vader, mit Robin Hood (glaube ich zumindest) und einer Dame in rotem Leder, deren Kostüm ich nicht kannte bzw. ich wusste nicht, welche Figur sie darstellte. Ich dachte kurz, mit einem Lächeln, hoffentlich ist sie als sie selbst hier. Sie sah gut aus. Selbstzufrieden, selbstbewusst. Ich hoffe, ich habe auch so gewirkt, dort in der Sonne direkt an der Themse.

http://www.emiratesairline.co.uk

 

 

 

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London – Sky Gardens

Tag 1

 

© cmh_Sky Gardens

 

Es gibt einige Plätze in London, die eine tolle Aussicht bieten. Breathtaking, würde der Engländer sagen. Und ich mag es den Überblick zu haben, so wie ich es mag Dinge zu durchschauen. Da spielt ein gewisses Maß an Arroganz mit, Überheblichkeit steckt auch in dem Kuchen drin, aber vor allem: Den Überblick haben. Ich mag die Weite des Himmels, das Erkennen von Details, wie manches ganz klein wird in der Ferne, weniger beängstigend und gleichzeitig wie die Größe der Welt mich still werden lässt, in meiner kleinen Bedeutungslosigkeit. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Manchmal rückt mir das den Blick zurecht, wenn ich mich zu wichtig nehme. Ich mag Leuchttürme und hohe Gebäude, ich mag Hügel mit Aussichtspunkten ins Tal, ich mag Seilbahnen und wenn mein Magen robuster wäre, würde ich sogar das Fliegen mögen. Und weil das alles so ist, habe ich schon zwei Runden mit dem London Eye gedreht, war auf dem Primrose Hill und habe mich nicht eingekriegt vor Glück angesichts der Skyline meiner Lieblingsstadt. Ich war auch auf dem Parliament Hill, aber dazu später mehr. (Siehe Hampstead Heath).

In Vorbereitung auf meinen London-Trip habe ich mir diverse YouTube Videos angeschaut. Ich liebe es, Leuten dabei zuzuschauen, wie sie durch die Stadt gehen und Fotos ihrer Lieblingsplätze machen, wenn sie mir Ecken zeigen, in die sich normalerweise keine Touristen verirren, wenn sie mir vermitteln: Das ist London, so lebt man hier. Und so stieß ich auf ein Video vom Sky Garden. Der höchste öffentliche Park Londons. Da musste ich hin!

Auf der Webseite kann man circa drei Wochen im Voraus seinen Besuch planen. Datum und Time Slot auswählen und los geht´s. Die Party ist kostenlos. London ist die teuerste Stadt der Welt und ich bin Schwabe, wenn das kein schlagendes Argument ist! Ich habe mir 13.30 Uhr ausgesucht, in der Schlange am Eingang darf man sich maximal 15 Minuten vorher anstellen. Ich war natürlich zu früh, und dachte ich müsste zeitig da sein um die Wartezeit mit einzuplanen, damit 13.30 Uhr auch klappt. So nutzte ich die Zeit um einmal um den Block zu laufen, das tolle Wetter zu genießen, Touristen und Londoner gleichermaßen anzuglotzen. Die kann man gut voneinander unterscheiden: Die Londoner haben prinzipiell weniger an, weil Sonne. 😉 Es hat jede Menge Geschäfte drum herum, viele saßen auf dem Mäuerchen vor dem Gebäude und aßen ihr Mittagessen aus Plastik-Schalen mit Plastik-Besteck. Auch etwas, das mir aufgefallen ist: Der Müll, der tagtäglich in Massen produziert wird. Klar, die Leute haben Hunger, die fahren nicht extra heim, und ich nehme an die wenigsten Bürogebäude verfügen über eine Küche oder Kantine. So sitzen sie draussen in der Sonne, mit hochgekrempelten Hemdsärmeln, mit einem Kaffeebecher neben sich, und dem vielfältigen Angebot von EAT in der Hand. Lecker ist das, aber nicht besonders umweltfreundlich.

© Carolin Hafen – 1 Sky Garden Walk

Der Sky Garden wird sehr gut organisiert. Dank der Time Slots befinden sich in etwa immer gleich viel Leute im Gebäude und man tritt sich nicht gegenseitig auf die Füße, weil so viel los ist. Meine Wartezeit betrug dann exakt 15 Minuten. Natürlich musste ich erst an der Sicherheitskontrolle vorbei. Inhalt des Rucksacks zeigen und durch den Metalldetektor. Es gab noch eine kleine Diskussion wegen meinen Schweizer Taschenmesser, dass ich immer in der Hosentasche habe. (Ein recht´s Mädle hot immr a Messr im Sack. – O-Ton des Vaters.) Ich durfte trotzdem und mit dem Mini-Taschenmesser hoch in den 35. Stock. Die Aussicht ist, ja wirklich: Breathtaking. Man kann das Gebäude an sich ja hässlich finden, aber ist man erst oben, wird das sehr nebensächlich. Es gibt eine Aussenterrasse, der Wind pfeift einem um die Ohren, während man Fotos macht und es ist herrlich. Im Vorfeld hatte ich mich gefragt, ob man einen 360° Blick hat, oder „nur“ die eine Aussicht zur Themse hin. Also ja, man kann einmal komplett die Runde machen, London in alle Himmelsrichtungen fotografieren, an den Scheiben stehen Hinweise, welches Gebäude wo zu sehen ist. Die Palmen, der ganze Garten vermitteln tropische Gefühle und ich dachte sehnsüchtig „Hier, in einem dieser Restaurants hätte ich gern mal ein Date mit jemandem, der mir Herzklopfen verursacht.“

 

© Carolin Hafen – Aussichtspunkt

 

 

Die beste Freundin organisierte uns derweil Getränke, und einen Sitzplatz neben der Bar fanden wir auch. Keine Reservierung nötig. Rundum hat es Tische, aber auch Sofas und richtige Chill-out-Ecken zum rum lümmeln. Ich könnte hier prima lümmeln, mit einem Buch, einer Cola und viel Zeit. Das hätte viel Schönes. Wie gesagt, es war nicht völlig überfüllt, und die kleinen „Hotspots“ zum Fotos machen laden zum Small Talk ein. Ich weiß nicht, für wie viele Menschen ich das Fotografieren übernommen habe. (Ich mache das sehr gerne!). Ständig drückte mir jemand eine Kamera oder ein Handy in die Hand: „Machst du bitte ein Bild?“

Klar! Amerikaner, Deutsche, Chinesen. Alles dabei. Irgendwem habe ich dann meine Kamera in die Hand gedrückt, einer Chinesin bin ich in ihre Aufnahme (vermutlich YouTube-Reiseblog) reingeplatzt. Wir haben gekichert. Alles sehr entspannt, ein bisschen Small Talk hier und da. Die Getränke waren bezahlbar und der Mittag viel zu schnell um.

Wenn du nach London kommst, schau´s dir an, es lohnt sich.

 

 

Linkliste: 

London hat viele Gesichter

© Carolin Hafen – View from Sky Gardens

 

Ich war im Urlaub. In London. Das ist mein „happy place“ – ich liebe es hier zu sein, könnte mir sogar vorstellen, hier zu leben. Eine Weile zumindest. Aber jedes Mal, wenn ich ankomme, mache ich den gleichen Kulturschock durch: Der Lärm, der Mief. Ich vergesse das jedes Mal wieder, und dann komme ich an und merke: Boah, ist das laut. Die Menschen, die U-Bahn, die Sirenen, das Stimmengewirr. Ich bin eine kleine Dorfpflanze, zuhause in meiner Straße hört man Nachts sogar die Läuse pupsen, so leise ist es. Aber hier? Meine Gedanken werden übertönt, bis ich mich dran gewöhnt habe. Bis ich aus dem Lärm-Gemisch meine Stimme wieder heraus hören kann dauert es mindestens einen Tag. Der Geruch macht mich auch fertig. Es sollte verboten werden in der Bahn zu essen. Jedenfalls.

Die Temeraturen. Wir hatten 27°, sensationelles Wetter. Der Regen ist nicht der Rede wert, dieses Mal. Die Londoner machen sich bei jeder Gelegenheit nackig. 18° sind schon ein guter Grund für ein Sommerkleid. Da habe ich noch die Winterjacke an. Ich staune und schaue und freue mich. London ist bunt, alle Hautfarben, auch alle Gewichtsklassen, Religionen, Kulturkreise. Kulinarisch bleiben keine Wünsche offen.

Die Freundlichkeit. Ich höre dauernd „Sorry“ und „Excuse me“ – wildfremde Menschen bieten mir Hilfe an. May I help you? Offensichtlich sehe ich oft so aus, als hätte ich sie nötig und nehme sie dankbar an. Ich buffe versehentlich Leute mit meinem Rucksack an, entschuldige mich. Im Urlaub bin auch ich höflicher als Zuhause und dann wundere ich mich, dass mich keiner anmault wie in Deutschland: „Pass doch auf du dumme Nuss!“ Nein, die Angebufften entschuldigen sich bei mir, man schaut sich kurz an, einvernehmlich, nichts passiert. Und geht seiner Wege. So kann das laufen, ohne Aggressivität, Beschimpfung und wilde Gesten.

Mir war unwohl an bestimmten Plätzen. Ich sagte zu meiner Begleitung: „Ich habe ein komisches Gefühl in der Magengegend.“ Zum ersten Mal. Ich war schon oft in London unterwegs, habe mich immer sicher gefühlt, gut aufgehoben, am richtigen Platz. Und nun sehe ich Polizisten in voller Montur mit Maschinengewehren. Große Waffen, ich kenne mich nicht aus, aber ich will mich nicht an diesen Anblick gewöhnen, es fühlt sich falsch an und suggeriert eine Sicherheit, die niemand gewährleisten kann. Ich sehe viel, in den vier Tagen. Eine Gruppe Veteranen, 25 Männer, ich habe durchgezählt. Alle mit Arm- und/oder Beinprothesen. Sie tragen Sportkleidung, eine Nummer auf dem Rücken und was tun sie? Marschieren fröhlich in den nächsten Pub. Offensichtlich haben sie gewonnen, gesiegt, was weiß ich. Die Stimmung ist ausgelassen, und ich Dorfpflanze schaue und schaue. So ist das also. Das Leben geht weiter.

Am selben Tag: Ein Zug steht an einer U-Bahn-Station und ist „Out of Service“. Polizisten mit Hund durchsuchen den Zug, von vorne bis hinten. Ich denke: Nichts wie weg. All das ist London. Und das Leben geht weiter. Ich bin inzwischen wieder gesund und am Stück zuhause. Ich habe die Nachrichten gesehen, Samstagabend, den Sonntag über. Mir war schlecht. Letzte Woche bin ich da noch herum marschiert, habe überlegt, ob ich zum Borough Market soll: Leckere Pies essen?

Auch das ist London. Ich laufe durch die Straßen, meine Hände in den Hosentaschen, Sonnenbrand im Gesicht. Eine interessante Mischung aus Rot und Braun und Hautausschlag. (Lange Geschichte) Es ist mir egal. An der linken Fußsohle macht sich eine Blase bemerkbar, auf die bin ich stolz, die habe ich mir erarbeitet. In meiner Hosentasche befindet sich mein zerknitterter Tube-Plan, ich brauche ihn nicht, ich finde mich so zurecht. Und dann: Ich sitze auf einer Parkbank in Hampstead Heath, ziehe meine Schuhe aus, trinke eine kalte Cola und stelle mir vor, wie meine Sonntagnachmittage aussehen würden, wenn ich hier leben würde. Genau so, vermutlich. Irgendein Typ läuft an mir vorbei, grinst, hebt den Daumen in Facebook-Manier und sagt:

„Air your feet!“

Ich schaue verwirrt an mir runter. Schließlich sind meine Füße an der frischen Luft.

Und er: „Socks off!“ Als Londoner muss man sich wohl nackig machen. Ich habe die Regeln nicht gemacht. Also ziehe ich die Socken aus, schließlich kann ich mit klaren Anweisungen unheimlich gut.

 

© Carolin Hafen – Hampstead Heath / Parliament Hill

 

Ich habe überlegt, ob es angesichts der Ereignisse und Anschläge und Toten nun pietätlos ist, über meine Reise zu berichten – dir davon zu erzählen. Mir tun diese Menschen leid, ihre Familien und Freunde. Genauso wie die Opfer in Berlin oder Frankreich. An allen Orten, wo verbitterte, hasserfüllte Menschen los gehen und andere töten für … keine Ahnung wofür. Das ist eine andere Diskussion, darum geht es mir nicht, im Augenblick.

Eine Zeitlang dachte ich, wenn irgendwo ein Anschlag passiert, dann darf ich nichts Lustiges bei Twitter schreiben, nichts Belangloses im Blog. Aber gleichzeitig denke ich, dass ein gefärbtes Profilbild bei Facebook nichts ändert, verschickte Kerzen zwar hübsch anzusehen sind, aber es geht ja doch weiter wie bisher. Beten – ja, prima. Wer glaubt, soll das tun. Ich dachte also, ich müsste kurz auf Pause drücken in meinem Leben, weil woanders jemand sein Leben verloren hat. Einfach still sein und es aushalten. Inzwischen, nach vielen Anschlägen, nach vielen Pausen habe ich meine Meinung geändert. Eine Pause ändert auch nichts. Ich fühle mich schlecht und hilflos, so oder so. Ich will auch wieder nach London reisen. Berlin, Paris, rundherum. Die Welt ist groß. Ich war an schönen Orten, und ich will davon erzählen. Ich habe tolle Leute getroffen, „nice to meet you“ gesagt und es gemeint. Auch davon will ich erzählen.

Die Welt macht einen irrsinnigen Lärm, sie riecht nicht besonders gut (woran wir selber schuld sind), aber ich will meine Gedanken trotzdem noch hören können, in diesem Gewirr. Ich will dir erzählen, wie es war. Es ist nicht alles schön, die wenigsten Dinge im Leben glänzen. Das will ich nicht aussparen. Es gehört zur Geschichte dazu.

 

Der Reisebericht kommt. For London with Love!