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Autorenwahnsinn – Sommer Edition – Tag 10

Tag 10: Zeit für Throwback Thursday #tbt: Woran hast du August 2016 geschrieben?

 

August 2016? Da hatte ich Urlaub und bin wieder nach Leotrim gereist. Letztest Jahr, von August bis Dezember ist der dritte Band meiner Drachensaga einstanden: Drachenfrieden. Das ist nur ein Jahr her, das ist schon ein Jahr her – wie man es nimmt. Mir kommt es vor, als hätte ich nur kurz geblinzelt. Gleichzeitig ist es so weit weg wie Jakarta oder Reykjavik. Ich müsste den Atlas bemühen, mit dem Finger auf dem Papier um das zu finden. Auch deshalb, weil ich mich gedanklich schon wieder woanders befinde… nein, das stimmt nicht. Aber der Reihe nach. Drachenfrieden, das Wort schreibe ich, eine halbe Stunde nach dem ich die aktuelle Folge „Game of Thrones“ gesehen habe und immer noch aufgewühlt bin. Ich mag die Serie, aber sie nimmt mich unheimlich mit. Gleichzeitig denke ich: So etwas würde ich nie schreiben wollen, dieses Abschlachten. Daher gibt es das bei mir nicht. Und während ich jetzt eintauche in ein neues Projekt, nur langsam natürlich, Schreiben ist wie Schwimmen, und das Wasser ist kalt, da gehen die Gedanken noch in alle Richtungen. Ich stecke einen Zeh ins Wasser, wate dann langsam weiter bis mir das Wasser bis an die Hüfte reicht, friere und jammere, bis ich endlich den Mut habe mich hinein zu stürzen, ganz, mit allem was ich habe, und dann schwimme ich die ersten kraftvollen Züge, und finde es herrlich. Soweit bin ich aber noch nicht. Der Zeh ist im Wasser, das ist der aktuelle Stand. Und daher kann ich an London denken und wie ich mich in der Stadt verlieben will, gleichzeitig ruft Aelia leise nach mir. Ich kann das jetzt noch nicht mit Sicherheit sagen – wer meine Bücher gelesen hat, weiß wer sie ist. Wer nicht weiß, wer sie ist, sollte meine Bücher lesen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, meine nächste Leotrim-Geschichte wird ein Aelia-Abenteuer. Ich sehe sie, wie sie losmarschiert und ihre Drachin abholt. Selbst, weil sie findet, dass das ihre Aufgabe ist. So gesehen ist der letzte August wahnsinnig lange her, und gleichzeitig ganz nah. Und wenn meine Zeit es zulässt, schreibe ich alles auf. London. Aelia. Und all die anderen, die im Wasser auf mich warten.

 

~Caro

 

 

Band 3 – Drachenfrieden

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Mensch ärgere dich nicht

VON CAROLIN HAFEN

Ich sitze im Schneidersitz vor einem Brett „Mensch-ärgere-dich-nicht“. Die Vierjährige meiner Schwester ärgert sich sehr wohl und wirft die Spielsteine gekonnt durch das Wohnzimmer. In Ritzen, Blumentöpfen und unter Möbelstücken findet man die nie wieder. Der Zweijährige ist heute etwas blass um die Nase und kuschelt sich an meine Schulter. Meine Schwester fragt, ob ich nicht mal kurz, sie müsse mal und ist dann weg. Wie die gelben Spielsteine verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Mir wird warm ums Herz; der Sohn hat mich vollgekotzt.
Er wirkt unbeteiligt, sein Gesicht hat den Ausdruck einer leeren Tüte Milch. Er gräbt seine Hände nicht mal neugierig in den Obstbrei, den er auf mir verteilt hat, es ist eher routinierte Gewohnheit.
Der Mann meiner Schwester kommt ins Wohnzimmer und sieht mich.
Ich sage: Igitt, ich habe Kotze im Ohr.
Er lacht. Er lacht und lacht, fällt auf die Knie, wischt sich die Tränen weg.
„Ach, ist das schön!“, sagt er, „wenn’s anderen passiert, dann ist das echt komisch.“

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Über den Wolken

VON CAROLIN HAFEN

Ich saß im Flieger neben meiner Tante. Nicht auf dem Weg in den Urlaub, sondern zu einer Beerdigung nach Berlin. Eine Frauenstimme begrüßte uns an Bord, und erzählte uns das Übliche; Willkommen, planmäßig, guten Flug, blablabla.
Ich dachte: Oh cool, eine Pilotin.
Meine Tante brummte missmutig: „Eine Frau? Dass sich die blöden Weiber überall reindrängen müssen.“
Ich hatte keine Worte dafür und sah sie entsetzt an. Wir schwiegen uns eine Weile an und ließen die Sicherheitsanweisungen über uns ergehen.
Wir sind wohl erst in einer gleichberechtigten Welt angekommen, wenn Menschen wie ich nicht mehr denken: „Oh cool, eine Frau“ und Menschen wie meine Tante nicht mehr denken: „Blöde Weiber“. Es sollte uns gleich sein, wer da fliegt.

Tags zuvor schon bat sie mich, neben ihr zu sitzen und ihre Hand zu halten, weil sie Flugangst hat. Also nahm ich ihre schweißnasskalte Hand, als es los ging, tätschelte noch kurz ihren Unterarm und flüsterte: „Hättest du auch Angst, wenn ich die Kiste fliegen würde?“

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Facebook-Märtyrer

VON CAROLIN HAFEN

 

Ich bin ein guter Mensch und du nicht. Ich teile sinnlose Botschaften mit einer selbst ausgedachten Interpunktion: Tierschutz, Depressionen, Brustkrebs, Petitionen aller Art. Ich verändere die Welt an meiner Pinnwand. Der Mensch ist das Schlimmste, was der Erde passieren konnte. Aber nur 3% der Menschheit können das erkennen. Du wirst in deiner grenzenlosen Dummheit & Arroganz diesen Beitrag weder anklicken noch teilen. An dieser Stelle bitte die 27 Ausrufezeichen beachten! Du wirst mir nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken, die ich verdient hätte. Wärst du ein guter Mensch, würdest du meinen Beitrag anklicken, ausdrucken, anmalen und eingerahmt neben die Fotos deiner Lieben hängen. Ich beobachte dich, be afraid! Du kannst jederzeit aus meiner Freundesliste rausfliegen. Mit Leuten, die mir nicht gefallen, mache ich das nämlich. Deshalb gehöre ICH zu dem elitären Club der 3%. Wenn du das hier lesen kannst, hast du es geschafft. Du bist immer noch mein Freund. Gratuliere.

Bitte teilen.

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Die Blumen sind schön

VON CAROLIN HAFEN

 

Ich tappte durch die Fußgängerzone und sah von meinem Handy auf. Der blaue pulsierende Punkt auf meinem Display gab an, wo ich mich befand. ICH hatte keine Ahnung, das habe ich oft.
Ein alter Mann mit gebeugtem Rücken schlurfte an mir vorbei. Er zog einen graualten Blumenkasten hinter sich her. Die kleinen roten Räder waren vielleicht mal Teil eines Spielzeugs. Die Tulpen zottelten im Takt seines mühevollen Gangs. Er hielt die Schnur in der geballten Faust so wie die Pflanzen ihre Blätter fest, mit Verzweiflung gegen das Grau. Fragend sah ich ihn an.
„Ich will was Schönes sehen, wenn ich unterwegs bin, und die Menschen sind es nicht“, bruttelte er. Spontan stimmte ich ihm zu. Ich kann mir auch Schlimmeres vorstellen, als alt zu sein und Blumen durch die Gegend zu ziehen. Also fragte ich:
„Schenkst du mir eine?“
„Eine was?“
„Eine Tulpe. Mein Tag ist grau und blöd.“
Er sah mich lange an. Dann zog er sein Taschenmesser aus der Hosentasche, schnitt eine Tulpe ab und schenkte sie mir tatsächlich.

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Für immer, das war früher

VON CAROLIN HAFEN

Als wir Kinder waren, schrieben wir krakelig auf Papier, was wir werden wollen, wenn wir endlich groß sind. Als müssten wir nur die Schule überstehen, das einzige Übel der Welt. Wir schmiedeten Pläne, versprachen, uns zu heiraten und ein gutes Leben zu führen. Ich dachte, ich sei clever, und wickelte alles in Folie ein. Wichtiges kam in Klarsichthüllen: Artikel aus der Bravo, meine Belobigung der siebten Klasse, meine Sporturkunde. So auch meine Versprechen an die Welt. Ich habe sie unter eine der Steinplatten hinter dem Gartenhaus gelegt. Ich dachte wirklich, das wäre ein sicherer Ort für die Ewigkeit. Damals war ein Jahr unendlich lang.

Die Folie ist noch da. Das Papier nicht. Die Versprechen, die Pläne und Wünsche haben sich aufgelöst. Ich dachte, ich finde sie wieder, die Ideale der Kindheit, die Schätze und Geheimnisse.

Mein Kopf, mein Hals, die Augen tun weh. Aber mehr lasse ich nicht zu. Ich lege die Steinplatte wieder an ihren Platz. Genug gewühlt in alten Herzensangelegenheiten.

 

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Caro und wie sie die Welt sieht

#tbt – Henri

VON CAROLIN HAFEN

Henri ist fünf. Er hat ein Kuscheltier. Eine niedliche Eule.
„Wie heißt denn deine Eule?“, frage ich, wie Erwachsene eben Kinder ausfragen.
Henri schaut mir ernst in die Augen, dann seiner Eule, die er mit beiden Händen fest hält. Er sagt leise: „Huhu.“
„Wie bitte?“, frage ich, weil ich Bobo verstanden habe. Der Siebenschläfer aus dem Kinderbuch wandert noch durch mein altes Hirn.
Henri flüstert seiner Eule ins spitze Ohr: „Sie hört schlecht.“
„Ich höre sehr gut!“, behaupte ich.
„DAS WAR EIN PRIVATES GESPRÄCH!“, brüllt Henri und drückt Huhu an seinen Bauch.
Augenblicklich ist das Bedürfnis geweckt, von Henri gemocht zu werden, auch wenn es keinen verwandtschaftlichen Grund dafür gibt. Und ich will von der Stoffeule gemocht werden, auch wenn es dafür keinen rationalen Grund gibt. So behauptete ich kurzerhand: „Ich kann eulisch sprechen!“
„Kannst du nicht“, sagt er, drückt Huhu aber etwas weniger fest an seinen Bauch.
„Doch. Whoot whoot whoot.“
„Was hast du gesagt?“
„Das war ein privates Gespräch!“

 

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